Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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\o. Haus Lmanuel Seidl, Gesammtansicht. — Architekt Lman. Seidl, München.

Emanuek Seidk'e Wohnhaus.

enige Bauquartiere Münchens er-
freuen sich einer so beneideuswerth
schönen Lage wie jene an der
Theresienwiese; insbesondere dein
in der Nähe der Paulskirche
liegenden Theih welcher die Miese
nach Norden begrenzt, kann nachgerühmt werden,
daß ihm in Bezug aus Sonne, Luft und Ausblick
kein Gebiet der eigentlichen Stadt zuvorkontntt.
Welchen Werth in München die Sonnenseite hat,
zumal danit, wenn sie durch keiu Gegenüber beein-
trächtigt wird, das weiß jeder voll zu würdigen, der
auch nur ein Mal die hier besonders lang dauernde
kalte Jahreszeit in einer sonnenlosen Wohnung zu-
gebracht. Abseits von: tosenden Verkehr uitd doch
in der Nähe wichtiger Verkehrslinien, mit freier
Aussicht über die Wiese hinweg nach den ewigen
Schneebergen, umweht von unverdorbener Luft, in
einer fast ländlichen Stille — sofern nicht gerade
auf der Wiese das Oktoberfest sich mit Pauken und
Trompeten vernehmbar macht — durch anmuthige
Vorgärten von der Straße geschieden, vereinigen die
Wohnhäuser an dem Nordrand des „Bavariaringes"
eine Menge von Annehmlichkeiten, wie sie nicht leicht
bei einander zu finden sind.

Wie bei der Umgebung der oben genannten
Uirche die vorausschauende städtische Baubehörde im

Verein mit dein Erbauer der Airche dafür gesorgt
hat, daß bei Anlage der umstehenden Wohnhäuser
nicht nur auf die wünsche des Spekulantenthums,
sondern auch aus die künstlerische Erscheinung der
ganzen Baugruppe Rücksicht genominen werde, so
siiid auch für die Däuser an der Theresienwiese ge-
wisse beschränkende Vorschriften in Bezug auf die
spekulative Ausnutzung des Baugrundes festgesetzt
worden — jedenfalls sehr zuin Vortheil dieses neuen
Bauquartiers.

Vor allem wurden dadurch kasernenartige, un-
unterbrochene Häuserreihen ausgeschlossen und Einzel-
häusern der Vorzug gegeben, welche — auch wenn
sie für Miethwohnuiigen eingerichtet wurden — doch
durch ihre geringere Höhenentwicklung und ihre be-
wegtere Durchbildung der ganzeii Bauanlage den
Lharakter eines vornehiiieii Villenquartiers verliehen.
Eines der zuletzt eingereihten päufer ist jenes, das
Architekt Emanuel Seidl sich für seine eigenen
Bedürfnisse — an der Einmündung der Aleestraße
in den Bavariaring — errichtet hat.

Die längst bekannte Eigenart Emanuel Seidl's
bewährte sich auch hier wieder — im Aeußern wie
im Innern; er steht ganz auf dem Boden der alten
Ärmst, ohne sich dem Neuen zu verschließen. Er-
greift aus den Schätzen aller Zeiten heraus, was
ihnr für feine künstlerischen Zwecke tauglich erscheint
— und sein dekoratives Geschick weiß alle Mal auch
die scheinbar fremdartigsten Diirge init einander zu
versöhnen. Die Antike und die Renaissance führen

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