Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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56\. von A. Weisgerber.

Gedankenspane zur neuen'
Kewezung?)

S ist eine der interessantesten Be-
obachtungen für den ruhigeren
Betrachter — ganz ruhig ist ja
keiner —, bemerken zu können,
mit wie verblüffend folgerichtiger
Inkonsequenz die Entwicklung
der Menschheit vorschreitet, in-
sofern, als sie sich darin gefällt, auf jedem neuen
Blatte, das sich umschlägt, ganz entgegengesetzte
Ziele, Absichten und Grundsätze zu entwickeln, als
wie solche gerade eben für maßgebend, sicher, ja un-
erschütterlich gegolten haben. Raum sind „ewige
Gesetze" endlich ergründet, gesichert, für alle Zeiten
dauernd gewonnen und festgestellt, so — werden sie
umgeworfen.

Wir waren ja an die Thatsache gewöhnt, daß
neue Zeiten ihren ärgsten Gegner in den soeben
erlebten und überwundenen sehen. Die Roryphäen
von gestern werden heute als Idioten oder eigen-
nützige Monopolisten, Mißbraucher erschlichenen
Ruhms am erbittertsten bekämpft. Wenn man in
einer Rünstlergefellfchaft alle die kleinen und großen
Stoßseufzer der Jungen, die Ausbrüche ihres
wühlenden Gefühls des Unterdrücktseins hören und
registriren könnte, die die Zukünftigen in ihrer schwülen
Rnechtsecke gegen die heut noch „Schöpfer" ge-
nannten an „jenem oberen linnenweißen Tisch" der
Auguren Thronenden hervorknirschen, wenn diese
Ausbrüche alle gar in Thaten umgesetzt würden —
so würden bald die zerkrümelten Ueberreste der
(Olympier von gestern für die Landwirthschaft hinaus-
gefahren werden. Sie war nur allzu begreiflich, diese *)

*) Wir bringen diesen Aufsatz, ohne ihm indessen in allen
Theilen zuzustimmen und namentlich ohne uns mit seinen
melancholischen Ausblicken einverstanden zu erklären. Wenn
auch derartige Gedanken, so interessant sie vorgetragen sein
mögen, die neue Bewegung im Runsthandwerk weder fördern
noch aufhalten können, so glauben wir doch, daß sie Manchen
zum Nachdenken über die einzuschlagende Bahn anregen, oder
zur Umkehr von Irrwegen veranlassen werden. Die Schriftleitg. !

ewig wiederkehreude Empörung der Jungen gegen
die einmal übliche Thatsache, daß allein die Weiß-
haarigen und Glatzen, erst wenn sie lange sich aus-
gelebt haben, erst wenn sie längst als „ausgehauene
Männer" herumstehen sollten, zu vollem Einfluß,
zu maßgebender Stellung, zu „allgenteiner Ver-
ehrung" gelangen — dann, wenn sie nichts ,nehr
können, weil eben der ganz besondere Saft, der
allein Wahres und Großes schafft, bereits ver-
trocknet ist. Alan sah die Ideale, die vor einem
Menschenalter galteil, die längst greis und welk ge-
worden, küitstlich aufgeputzt und geschminkt unter
den: Beifall aller derer, die ihre Autoritäten im
Ronversatioilslexikon finden, ein halbes Iahrhuildert
noch polizeilich geschützt — alles Andere als volk-
verderbend verfolgt.

Dies war eine Beobachtuilg und Erfahrung,
die wir in diesem Jahrhundert täglich machen durften.
Uild zu einer „ewigen Wahrheit" hatte sie sich
wirklich herausgebildet. Sie drückte unserer Zeit
den letzten Stempel auf, dessen sie noch bedurfte, um
als die Zeit der Epigonen, milde gesagt: des Eklek-
tizismus, mehr als irgend eine frühere zu gelten.
In der bildenden Runst — und alle obigen Ausführ-
ungen beziehen sich natürlich vorwiegend auf sie, wie
an dieser Stelle nicht anders möglich — ist das
fß. Jahrhundert leider ein epigonenhaftes, ein Jahr-
hundert der Ausgrabungen geblieben und wird in
der Weltgeschichte ganz unzweifelhaft auch fürder so
erscheinen.

Aber es neigt sich zum Untergangs — und mit
ihm wollen in logischer Holgeunrichtigkeit ganz
plötzlich alle seine Götter zufammenbrechen und
versinken. Eine Revolution der künstlerischen Be-
griffe bereitet sich vor, das 20. Jahrhundert mit
einem gewaltigen Tusch von Blechmusik zu be-
grüßen, geeignet, stärkere Ierichomauern umzustürzen,
als sie unsere Runst errichtet hat. Die Zeit der
Wende ist endlich gekonnnen I Endlich reckt der
Riese, der schlafende, wieder seine mächtigen Glieder
zu eigener That!

*) Der Aufsatz ist im November ^899 geschrieben.

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