Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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Materialentsxrechend.

439. (partfei' Ausstellung), lvindschirm iu G. Seidl's Aus-
stellungsraum, gemalt von Fr. Naager, München.

stücken gefügte Bildchen eines Schmuckstückes gut sein,
auch wenn es auf's Feinste abgetönt ist. Und wollte
man für eine in ein Wohnzimmer bestimmte farbige
Scheibe denselben Naßstab anlegen, wie für ein Riesen-
fenster, so ist das eben die Schuld des verkehrt auf-
gefaßten „materialentsprechend", es läßt sich nicht
Alles über einen Leisten schlagen.

Schließlich ist ja bei allen mit Farben auf ebenen
oder gekrümmten Flächen arbeitenden Techniken durch-
aus nicht gleichgültig, was man damit für Eindrücke
Hervorrufen will, es läßt sich nicht Alles vereinen,
man muß sich schon für das Tine oder das Andere
entscheiden, Jedes Kunstwerk, z. B. ein Bild von
mäßiger Größe, soll zweifellos in seiner Umgebung
einen gewissen Gesammtwerth darstellen, die Paupt-
sache wird aber doch in seinem geistigen Inhalte,
seinem Lharakter zu suchen sein. Ist die Wirkung
im ersten Falle auf Jeden eine überwiegend un-
bewußte, so erfordert der eigentliche Genuß des Bildes
ein Vertiefen.

Nofaiken, Wirktapeten oder farbige Glasfenster
sind aber in erster Linie Ornamente, die den Ein-
druck eines Raumes steigern sollen. Die schmückende
Wirkung darf da nicht erst die Folge einer lieber*
legung sein, sie inuß sich unmittelbar aufdrängen,
je schneller, um so überwältigender wird sie sein. Daß
da durch kräftige, klare Farbengegensätze mehr zu
erzielen ist, wie durch weichlich ineinanderfließende
Nassen, weiß jeder Künstler.

Es bedarf wohl kaum der perbeiziehung weiterer
Beispiele von anderen Gebieten der Kunsttechnik, um
zu beweisen, daß die falsche Auslegung von „material-
entsprechend" zum Schematismen führt.

Will man zu einem unbefangenen Genuß der
Kunst aller Zeiten kommen, dann inuß man vor
Allem beherzigen, daß das Vollkommenste, bei dem
Form und Naterial zu einer absoluten Einheit ver-
schmolzen ist, in der Idee bestehen kann, daß es aber
der Natur zuwider ist, daß Alles auf der absoluten
Pöhe steht; nicht das Vollkommene allein ist Kunst.
Nan sollte dahin streben, die Kunst als Ganzes ver-
stehen zu lernen und das Schöne. zu genießen, auf
welcher Entwicklungsstufe es sich auch darbieten möge.
Um das zu können, muß man eben auch in der Kunst
nur einen Reflex des Allgemein-Menschlichen er-
blicken. Die Menschheit ist von Natur abwechslungs-
bedürftig. Auch für das Vollkommenste muß eine
Zeit kommen, in der es nicht befriedigt; daraus ent-
steht die Entwicklung. Nothwendig muß dabei auf
einen Höhepunkt ein Niedergehen folgen, bei dein
sofort die vielleicht erreichte absolute Einheit der Dar-
stellung gelöst wird. Diese weise Natureinrichtung
meistern zu wollen, ist kühn.

Die aufstrebende Entwicklung wird das höchste
erreichen wollen; auch wir müssen das höchste an-
streben. Sollte es aber mit fjilfe von Regeln möglich
sein, die das Gefühl für das Schöne und Gute zu
ersticken drohen? Norm. Küer.

(jLkeme Nachrichten.

Vereine, Museen, Schuten, Ausstellungen,
Mekköewerke ^e.

ine Denkmünze oder eine Plakette *) — zur Feier
der 500jährigen Benutzung der Lseilquelle „Ober-
brunnen" zu Bad Salzbrunn i. Schl. sstOs — will
die fürstlich Plessische Eentralverwaltung zu Schloß
Waldenburg i. Schl, anfertigen lassen. Verlangt wird
ein Modell aus ungefärbtem Gips, dessen längstes
Maaß 20—2\ cm nicht überschreiten darf; über die
aus der Denkmünze bezw. Plakette anzubringenden
Darstellungen und Inschriften gibt das Preisaus-
schreiben genauere Auskunft. Das Modell muß
sorgfältig durchgearbeitet sein, so daß es unmittelbar
für die Ausführung benutzt werden kann. Dem
Modell ist eine Photographie beizugeben, welche es
in der von dem Künstler beabsichtigten Verkleinerung

Wettbewerbe werden stets an dieser Stelle bekannt gegeben; über die
jeweils in Schwebe befindlichen Wettbewerbe gibt der Wettbewerb-Aalender
auf Seite 2 des Anzeigentheils Aufschluß. Soweit die Programme bei der
Redaktion eingelaufen sind, liegen sie auf dem Sekretariat des Bayer. Aunst-
gewerbevereins zu München zur Einsichtnahme durch die Vereinsmitglieder
auf; in diesem Fall ist die betr. Textnotiz ani Schlüße stets mit einem * versehen.
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