Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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Nordische Bildwirkereien auf der Pariser Weltausstellung.

den Verkauf an die pariser Juweliere vermitteln,
siitd gegen freinde Käufer sehr vorsichtig, nicht eben
das Neueste schon in's Ausland zu verkaufen und
fich's bei den Pariser Abnehmern zu verderben.
Wenn sich neue Talente etabliren, werden sie von
denselben schnell beschäftigt, und die Exporteure
suchen ihnen den Rang abzulaufen, um auch für
sich einige Nouveautss zu erringen, zu Preisen, die
man sich in Deutschland kaum zu fordern traut,
um dann das Lob zu ernten: „Schön aber theuerl"

(Nordische lKikdwirüereien auf der
Pariser ^ekiauesteöbunH.


j^emt einmal alles erschöpft sein

m

gl wird, was sich über 2lnsstellungs-


5m Müdigkeit und über Ausstellungs-


Mängel sagen läßt, darf man


9/ sicher sein, daß trotz alledem ein


^ Wirkliches und Wesentliches an

Ausstellungsnutzen übrig bleibt. Dieses Wirkliche
und Wesentliche wird nicht zum kleinsten Theil
darin bestehen, daß die Ausstellungen jenes Be-
sinnen auf nationale Eigenart, jenes Bewußt-
werden des Kraftgefühls gefördert haben, welches
als ausschlaggebender Faktor eine so große Rolle
in der Lebensentfaltung des neunzehnten Jahrhunderts
gespielt hat. Selbstverständlich schien das Aus-
ftellungswesen Anfangs gerade der Entwicklung des
Internationalen und Kosmopolitischen förderlich. Es
hat aber trotzdem gelehrt, daß mit der Anpassung an
das Kosmopolitische die geringsten bleibenden Erfolge
erzielt werden. Am frühesten gelangte diese Er-
kenntniß in denjenigen Ländern zum Durchbruch, die
genöthigt waren, ihre wirthschaftlichen Hilfsquellen
zu schonen. Während Anfangs die Ausstellungen
zur Anfertigung von Prunkstücken verleiteten, es wohl
theilweife auch noch thun, hat sich allmählich die
Erkenntniß Bahn gebrochen, daß der Weg zum Er-
folg in der pflege des Abweichenden zu suchen ist,
nicht iin Wetteifer der Gleichmacherei. Am aus- !
gesprochensten ist dieser Zug zur Eigenart zweifellos
in den Erzeugnissen des nordischen Kunstgewerbes
vorhanden.

Wir Festlandskinder, die wir mehr oder minder
geneigt sind, die Erhaltung unserer Eigenart von
dem Besitz eines hochentwickelten militärischen Ver-
theidigungswesens abhängig zn machen, lassen uns
leicht verleiten, von den europäischen Außenvölkern
als von nebensächlichen Anhängseln der Kultur-
entwicklung zu sprechen. Insbesondere ist uns das

587. (Pariser Ausstellung.) lhautelisse-Ueberzug
(„Flamsk" — vlämisch); bäuerische Arbeit aus
dem ksaudarbetetsvänuer, Stockholm.

Wort „nordisch" zu einer Art Sammelbegriff ge-
worden, der das Finnische, Schwedische, Norwegische
und — zumeist wenigstens — auch das Dänische
zusammenfaßt. Und doch könnte man vielleicht mit
gleichem Recht etwa Sibirisches und Kanadisches für
gleichbedeutend halten, wie Schwedisches und Nor-
wegisches. Nirgends tritt wohl der Gegensatz zwi-
schen zwei verschiedenen „Volksseelen" so klar hervor,
wie in der Entwicklung, welche die Bildwirkerei in
den beiden Nachbarländern nahin. Es erscheint
kaum übertrieben, zu sagen, daß der Gegensatz
zwischen französischer und deutscher kunstgewerblicher

588. (Pariser Ausstellung.) 6autelisse>Uoberzug
(„Flamsk" — vlämisch); bäuerische Arbeit aus
dem paudarbetets-väuuer, Stockholm.

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