Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Fragen der Landesplanung

Landesplanung für die Schweiz.

Der nachfolgende Aufsatz Ist der zweite Teil einer größeren Studie,
die vor allem bezweckt, die gesamte, in der Schweiz noch wenig
berücksichtigte Frage zur öffentlichen Diskussion zu stellen. Der
erste Teil befaßt sich mit prinzipiellen Darlegungen, deren Haupt-
punkte wir bei unseren Lesern als bekannt voraussetzen können.
Der Herausgeber.

Die Schweiz ist ein von Zollgrenzen umgebenes Wirtschaftsgebiet.
Sollten auch einmal mit oder ohne Paneuropa die Zollgrenzen verschwin-
den, so müßten ohne Zweifel einschränkende Bestimmungen über den
Warenaustausch aufgestellt werden. Ohne solche würden nach Ent-
fernung des Zollgürtels die schwerwiegendsten wirtschaftlichen Störun-
gen auftreten. Es wäre daher utopisch, wenn wir unsern Betrachtungen
ein mögliches, paneuropräisches Wirtschaftsgebiet zu Grunde legen
wollten. Wenn auch einmal Paneuropa Wirklichkeit werden sollte, so
werden doch die bisherigen staatlichen Hoheitsgebiete wenigstens
wirtschaftliche Teilgebiete eines Ganzen bleiben.

Der künftige Ausbau unseres Landes muß daher auf Grund seiner heutigen
Grenzen erfolgen.

Das verfügbare Areal wird in folgende drei Zonen unterteilt:

1. Nährraum.

2. Produktionsraum.
S. Verkehrsraum.

Diese Einteilung aber darf nicht als starres Schema aufgefaßt werden. Je
nach den örtlichen Verhältnissen kann die Bestimmung der Räume ge-
mischt werden. So 2. B. liegen heute vielerorts Industrien inmitten land-
wirtschaftlicher Gebiete. Wie weit eine Mischung zweckmäßig ist, soll im
folgenden erörtert werden. Unter dem Nährraum verstehen wir das Areal
der Urproduktion, in welchem Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Wein-
bau arbeitet. Der Produktionsraum beherbergt industrielle und gewerb-
liche Arbeitsstätten. Zu diesem gehört naturgemäß das städtische
Siedeiungsgebiet, da die Arbeitsstätten nahe an den Wohnstätten liegen.
In unserm Land bildet die Region der Fremdenindustrie einen besondern
Teil des Produktionsraumes. Als Verkehrsraum bezeichnen wir diejenigen
Flächen, die Bahnanlagen, Straßen und Flugplätze tragen. Die Binnen-
schiffahrt wird hier nicht behandelt.

Als Standort kommen für die Industrie die Hochebene und die Talgründe
in Frage. Die bisherigen Anlagen nahmen oft wenig Rücksicht auf die
topographischen und verkehrsgeographischen Verhältnisse. Die örtliche
Lage mancher schweizer Industrien trägt den Stempel des Zufalls. Wo
vor hundert Jahren eine Produktion erfolgreich einsetzte, da entwickelte
sich nach und nach die Fabrik und um sie herum das Industriezentrum.
Die Notwendigkeit, mit der sich im Ausland die Schwerindustrien in den
Kohlengebieten ansiedelten, fehlt bei uns. Aber trotz des Fehlens von
standortbestimmenden Rohstoffen gibt es auch bei uns Gründe dafür,
daß wir uns von Standortserörterungen leiten lassen. Die Kraftquellen
liegen oft weit entfernt von den Industriezentren. (Eine kurze Erörterung
der Standortstheorie nach Dr. S. Streift finden wir in „Der Standort der
schweizerischen Baumwollspinnerei", Verlag A.-G. Neuenschwander/
Weinfelden 1925.) Bei der Beurteilung industriellen Schaffens spielt die
Frage „Wo wird gewirtschaftet?" eine große Rolle. Die
Arbeitsverhältnisse einer Gegend, die verwendeten Materialien, das
Vorhandensein ähnlicher Betriebe in nächster Nähe, oder solcher Be-
triebe, die in irgend einem Fabrikationszusammenhang zu der betreffen-

den Industrie stehen, müssen wohl erwogen werden. Der Standorts-
faktor ist der Vorteil, der einen bestimmten Industrieprozeß hierher
oder dorthin zieht. Dabei spielen Transport, Arbeitskosten, Lebens-
haltung und Grundrente eine Rolle. Als spezielle Faktoren kommen
die Beschaffenheit der Luft, des Wassers etc. hinzu. Lokale Faktoren
sind die Agglomeration und die Deglomeration. Die Agglomeration ist
die Zusammenballung während die Deglomeration die Zerteilung der
Produkte gleicher Art am Produktionsort bedeutet. Es kann also vorkom-
men, daß die Erscheinungen einer Agglomeration schwerer in die Wag-
schale fallen, als die Nachteile längerer Wege. Die konzentrierte Produk-
tion fügt sich stets leichter in den Großverkehr ein, als die zerstreute
Kleinproduktion, wobei jedoch der Weg zwischen den Produktionsstätten
und dem Konsumort ebenfalls berechnet sein will. Wird die industrielle
Produktion zusammengelegt, erfolgt eine Steigerung der Grundrente,
sowie eine Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Arbeiter
(nach Alfred Weber). Die gefühlsmäßige Standortswahl wird meistens
uner dem Zwang der Konkurrenz korrigiert, indem die zu teuer produ-
zierenden Betriebe automatisch ausgeschaltet werden. Technische Fort-
schritte, Veränderungen sozialer Natur, Verschiebungen kultureller Be-
dürfnisse etc. können richtunggebend wirken.

Unser Land ist in Bezug auf die Kohlen und andern Rohmaterialien un-
günstig gelegen. Als Kompensation für diesen Mangel besitzen wir die
Wasserkraft, deren örtliche Lage im weitesten Sinne auch eine
Bindung des Produktionsortes erheischt. Immerhin ist der Transport der
elektrischen Kraft viel leichter zu bewerkstelligen, als derjenige von
Kohlen. Aber auch hier müssen die Kosten der Umformung in die Rech-
nung aufgenommen werden. Nachdem wir heute schon ein ansehnliches
Verteilungsnetz besitzen, können wir die Wasserkraft als eine überall
vorkommende Kraftquelle betrachten (Ubiquität).

Industrielle Neuanlagen sollen auch bei uns Standortsuntersuchungen
unterzogen werden, die ihrerseits wieder dem Gesamtrahmen der
Landesplanung einzuordnen sind.

Nicht weniger wichtig, als für die Industrie, ist die Standortserörterung
für die Urproduktion. In einem Lande, in dem 22,55 Prozent des
Gesamt-Areals unproduktives Gebiet ist und für den bebaubaren Rest
ungünstige Bedingungen bestehen, kann nur eine sehr sorgfältige Aus-
wahl der Regionen zur Intensivwirtschaft führen. Den Eigenbedarf an
Lebensmitteln werden wir allerdings nie selber decken können. An Brot-
getreide wurde beispielsweise im Jahre 1930 nur 22 Prozent des Landes-
bedarfs im Inlande produziert. Bekanntlich könnte die Produktion ge-
steigert werden, ohne indessen eine konkurrenzfähige Position zu er-
reichen. Es handelt sich aber auch nicht darum, die Inlandsproduktion auf
den vollen Bedarf zu steigern, sondern wir wollen den bodenbearbeiten-
den Volksteil stark erhalten. Leider verzeichnet dieser Volksteil einen
fortwährenden zahlenmäßigen Rückgang. Während noch im Jahre 1900
der Prozentsatz der in der Urproduktion tätigen Berufsleute 32 Prozent
betrug, notierte er 1920 nur noch 26,3 Prozent. (Industrie und Gewerbe
43,8, Handel 11,6, Verkehr 5,13, Verwaltung und freie Berufe 6,8, persön-
liche und häusliche Dienste 6,3 Prozent.)

Die Landflucht ist die Folge einer günstigeren Verdienstmöglich-
keit in den Städten. Dieser schädlichen Erscheinung müssen wir ent-

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