Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Erwachen

August Stramm

Er
S i e
Es

Wirt

Hausknecht
M a s s e
Hoteizimmer

Zwei Betten nebeneinander; an der Wand gegen-
über Fiügeitür; an der Hinterwand zwischen hohen
Fenstern ein Spiegei. iReisetaschen und Kieidungs-
stücke aui Nachttische.n und Stiihien verstreut
S i e (im vorderen Bett, richtet sich auf und starrt
in das Dunkei)

Er (nach einer Weiie): was wachst du?

S i e (schaitet das Licht auf dem Nachttisch ein)

Er (faßt ihren Arm. zärtiich, unruhig): was wachst
du?

S i e (wischt den Schiaf von Qesicht und Haar,
deckt das Bett zurück und steiit die Füße zur
Erde in die Pantoffei)

Er (haib aufgerichtet spannt den Biick in ihren
Nacken)

S i e (deckt die Hände auf die geschiossenen Knie
und späht in das Zimmer)

Er (schneiit hoch, hart): was starrst du?

S i e (stammeit unverständiich, weist die iinke
Hand ins Zimmer, schneiit zurück und hüiit mit
beiden Händen das Qesicht)

E r (starrt ins Zimmer, blickt auf Sie, iehnt zu
ihr rtiber, weich): Träume . . (schmiegt die Hand
auf ihren Nacken)

Sie (zuckt zusammen; die Händen faiien aufs
Bett)

E r (vorwurfsvoli): Kind !

Sie (haucht): nimm die Hand fort!

Er (beruhigt): du!

Sie (entsetzt): nimm die Hand fort!

Er (nimmt die Hand fort)

Sie (schütteit sich)

Er (weich): was hast du?

S i e (kauert, die Arme über der Brust gekreuzt
und auf den Schultern, trocken, ohne Tonfail):
ich weiß es nicht

Er (im Schiafanzug, steigt in die Pantoffel, geht
kopfschütteind zur Tür und schaitet das Decken-
iicht ein): so! (!äuft armschtenkernd kreuz und
quer durch den Raum): sieh doch nur! sieh!

S i e (hebt spähend den Kopf ins Zimmer)

E r (bleibt in der Mitte zwischen Tür und Fenster
stehen und lächelt sie scherzhaft überlegen an):
na was?!

S i e (regungsios): ja . . da . .!

E r: hier bin i c h!

S ie (schaudert): ja (nickt zustimmend prüfend) ja!
E r (geht zärtüch auf Sie zu): siehst du
Sie (springt auf, wehrt und schreit): steh! steh!
steh dort!

E r (tritt betroffen widerwiHig an den Ptatz zu-
rück): ach!

S i e (prüft Ihn stumm)

Er (ärgerHch): es ist dumpf hier! sein wir ver-
nünftig! (geht zum Fenster)

S i e (wiH Ihn zurückhalten, erlahmt aber fahrig,
tritt bis ans Bettende vor und sieht vorgebeugt
auf den Fleck, wo Er stand)

Er (zieht den Vorhang und blickt zurück): nun?
ist da was?

S i e (hebt den Blick durchs Fenster und legt
schauernd das Nachtgewand fester um den Leib)
Er (die Hand am Fensterhebel): du frierst?

S i e: die Nacht ist naß

Er (starrt betroffen): wir sind geborgen! (geht zu
Ihr und drängt Sie zum Bett)

Sie (weist zurück): nicht! nicht!

Er: du hast schlecht geträumt
S i e (widerstrebt schwach): ich habe geschlafen
Er (setztSie aufs Bett): so wollen wir weiter
schlafen

S i e (blickt ins Zimmer, ohne Angst neugierig
feststellend): und da ist doch was!

Er (unwiHig): was?! was sot!

S i e (erhebt sich und blickt neugierig auf den
Fleck, nickt bekräftigend)

Er (geht zurück und scharrt, schroff): wo soH hier
was

Sie (beherrscht): ja . . grade . . v/o soH . .? (Sie
blickt in den Spiegei und ordnet das Haar; häit
erschrocken inne): und ich sehe aus! ich sehe
aus! o!

Er (ärgerlich): laß den Spiegel!

S i e (preßt die Handflächen gegen die Schläfen):
das bin ich nicht

Er (tritt vor Sie und verdeckt den Spiegel): wer
sonst?!

Sie (spricht nach): ja . . wer . .?

Er (bricht aus): zum Donnerwetter! (bezwingt
sich und stampft auf): Nichts!!

Sie (starrt Ihn erschrocken an): nichts! nichts!
Er (beherrrscht): du machst mich ja mit verrückt!
Dein Wahn . . .

Sie (in mattem Widerspruch): Wahn . . Wahn . .
E r (faßt derb Ihren Arm und schüttelt Sie): sei
vernünftig jetzt

S i e (gellt auf und entsetzt vor ihm zurück)

E r (läßt Sie und blickt hilflos erschrocken um
sich) was? was?

S i e (erschöpft): Du würgst mich
E r (überreizt, weint): aber ich . . ich . . doch gar
nichts .. ich . . (mit flehend zusammengekrampf-
ten Händen vor Ihr)

S i e (erwacht nach einer Weile. reibt sich das
Handgelenk, fröstelt matt): ja! es ist dumpf hier!
mach das Fenster auf!

Er (strampelt außer sich, wehrig durchs Zimmer):

nein! nein! nein! (bleibt im Zimmer stehn)

Sie (in matter Bestimmtheit): mach das Fenster
auf

E r (schlägt am Fenster die Fäuste fesselnspren-
gend auseinander): zum Teufel ja! (reißt tobend
mit beiden Händen den Fensterhebel nieder):
jaü! (Das Fenster stürzt zeuklirrend über ihn,
die Wand zwischen den Fenstern bricht dnrch,
der Spiegel splittert ins Zimmer)

Er (starr inmitten des Einsturzes)

S i e (entsetzt)

E r (wendet scheu betrachtend den Fensterhebel in
der Hand): morsch!

S i e (wimmert)

E r (biickt zag zu Ihr hin): das wollte ich nicht! o!
Sie (wimmert):derSpiegeI
E r (stutzt fetzt den Hebel in die Trümmer und
reckt in wildes Lachen)

Sie (in Entsetzen und Beben): o! o! du! du! du
bist furchtbar! furchtbar! du!

(Stimmen, Pufen, Laufen draußen; Geräusch im
Hause)

(Der Staub ist durch die große Mauerlücke ver-
zogen)

E i n S t e r n (flirrt in schwarzblaue Nacht)

E r (lacht ruhiger, versonnener, in kurzen Nach-
wellen; steht dann ganz still und schaut zum
Stern auf)

S i e (kauert entsetzt ziternd auf dem Bett, die
Hände auf die Bettlehne gekrampft und horscht
zur Tür, lallt): k . . k . . kommen
E r (ruhig, verträumt): sieh den Stern
S i e (Iallt unverständlich)

Er: sieh doch! der Stern!

S i e (ganz in Entsetzen aufgetöst): k .. k .. klopfen
(Energisches Klopfen an der Tür, Rufen, derbes
Herunterklinken)

Er (tritt unbekümmert weiter vor in die Mauer-
spalte und späht zum Stern)

S i e (schreckt auf, rutscht überhastend zu 1hm,
hält Ihn zurück und lallt): du . . du fällst! du
fällst!

schweres Schiagen, Riitteln an der Tür; Rufe:
he! he! he!)

Sie (zieht ihn kriechend zuriick): hör doch! hör
doch!

E r (kommt nicht vom Sterne los)

Sie fspringt auf und riittelt Ihn wild): nun sei
doch . . (Schwere Eisenschtäge gegen die Tür)
E r (erwacht, wendet sich zur Tiir und schlingt
haltend den Arm um Sie)

(Laufen und Rufen auf der Straße)

(Die Tiir wuchtet unter Fluchen und Wettern)

S i e (klammert ohnmächtig an seiner Brust)

E r (trägt Sie iiber die Trümmer. blickt zum Stern
auf, bedauert): fort in den Wolken!

(Die Nacht wird schwarz)

D i e T ü r (kracht herein)

D e r W i r t und Der Hausknecht (keuchen
mit Brechstangen)

E r (legt Sie ruhig zurecht und deckt zu)

Wirt (wild drohend): Sie!

H a u s k n e c h t (starrt mit erhobener Brechstange
stumpf auf den Trümmerhaufen)

E r (blickt ruhig auf)

Wirt (vor dem Trümmerhaufen, außer sich): Sie
haben mein Haus umgerissen!

Er (ruhig): ich

Wirt (außer sich): Sie Sie Sie! Lügen Sie! lügen
Sie! lügen Sie!

H a u s k n e c h t (droht schwerfäMig): vaflucht!

Er (ruhig): die Wand ist zusammengefallen
Wirt (außer sich, spricht nach): die Wand! die
Wand! die Wand! (schreit immer wilder): der
Himmel! der Himmel! der Himmel! Polizei! Poli-
zei! Polizei! Ich lasse Sie festnehmen! ich lasse
Hausknecht (stimmt ein): Pulzei Puzei
E r (zuckt, hastig): wenn ich nun aber (macht eine
Bewegung)

Wirt (starrt ihn an): Sie Sie Sie (versteht und
schlägt um): wa(?

Er (ruhig): wir können ja darübet* reden (mahnt
zur Ruhe): tneine Frau . . .

Wirt (plötztich ganz Teilnahme, legt die Stange
aus der Hand und die Händ ineinander ) o!
Hausknecht (zerrt verlegen die Mütze runter
und tritt an der Fisenstange spielend langsam
zurück)

Wirt: wir künn'n Dokter halen (wendet zum
Hausknecht, der diensteifrig die Miitze aufstülpt
und zum Gehen kehrt): jo
Hausknecht (eilfertig): jo
Er (hastig): nein nein nein halt! danke schön! sie
wird schon so . .

(Geräusch und Lärm auf der Straße;)

(Leiser Donner in der Ferne)

Wirt (verlegen): nu jo! nu jo (schaut raus) nu
süh dät Volk! (zum Hausknecht): joh runner du!
de Tür fest an! dät sich dät Plebs nich rin
kiimmt!

Hausknecht (rückt die Mütze): jo (eilt erlöst
ab)

E r (nimmt eine Geldtasche unter dem Kopfkissen
vor)

Wirt (folgt seinen Bewegungen, kriechend): Sie
künn' n ooch n anner Zimmer hebben. . Herr . .
Herr! (es donnert): dät Jewidder
E r (öffnet die Geldtasche, die voll Gold glitzert)

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