Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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geM zusarnmeHMgtea, iedesma.!, wenn sie Erlaubnis
hekamen, ihm emen Kunden iortzunehmen.

Auf diese Weise iebte er sto)z und bewegte
sich nicbt vom F)eck von morgens irüh bis abends

spät.

Zuietzt fand er es auch iürchterhch dumm, daß
er diesen Wagen behie)t, es hatte keinen Sinn.
Der Verdienst war doch nicht so groß, dai) es
die Mühe )ohnte. Darum verkauite er seine Kur-
maia und verlebte ein paar irohe Tage für das
Geid. Er hei mit tändelnden Schritten in den
kleinen Gassen, wo die Mäde!s wohnten. Er
hörte zu, wie die Ausrufer die Mäde)s priesen und
zuletzt wußte er nicht, welche er mit seinem Ge)d
giückhch machen sohte, und trank es desha)b
heber auf. So wußte er jedenfahs, was er für das
Geld bekam, und das konnte in der Liebe manch-
ma! recht zweifehiaft sein, räsonnierte er.

Den Tag nachiier, a)s das ganze Ge)d weg war,
ging er zu den Kohegen und erzählte, daß er zwei
Tage sehr krank gewesen sei. Ein schlechtes Bein
hätte er. Zu diesem Zweck hatte er sich ein kur-
zes und ein langes Bein zugelegt, um die Ver-
heerungen der Krankheit zu demonstrieren. Jetzt
müßten die Kollegen ihm helfen, so lange er krank
sei, sagte er. Aber ein paar von ihnen wußten,
auf welche Weise er krank gewesen war, und
wohien die Sache beim richtigen Namen nennen.

Osati zeigte auf ihn mit einem langen drecki-
gen Zeigefinger und öffnete seinen großen Mund:

„So, du warst krank, meiii Maiglöckchen!"
sagte er.

Aber Riuge verzerrte isein Gesicht mit den
roten Schhüren, sah bedeutungsvoll und diskret
auf seine schweren Fäuste. Und dann hatte er
natürlich gewonnenes Spiel. Keiner vermochte die
blaue Augen zu zähien, die diese Fäuste versetzen
konnten. AIso ging Riuge ein paar Monate lang
als Rekonvaleszent herum.

Acht KoIIegen gaben ihm ieden Abend von
ihren Einnahmen. Und Segen schien zu sein über
ihrem Opfer. Riuge wurde unförmlich dick von
allem, was er aß und trank.

Ab und zu besuchte er den Bruder.

„Weißt du!" sagte er und legte sich vorsichtig,
um sich nicht überanzustrengen, auf den weichen
Teppich in einer Ecke der Werkstatt.. „Es sind
wirklich scheußliche KoIIegen, die ich habe. Sie
helfen mir gar nicht! Nein, keine Spur helfen Sie
mir. Ein Gott wirc! niich gewiß einma! rächen.
Früher oder später. Dessen bin ich sicher, aber
du verstehst, darauf kann ich ja nicht warten,
nicht?!"

Kinza stand und machte seine feine kleine
Lackkästchen: „Ja," sagte er und arbeitete wei-
ter, „etwas kann ich entbehren, aber eigentlich
hatte ich mir gedacht, das zu sammeln, bis wir
dafür einen neuen Wagen für dich kaufen könn-
ten?"

„Ah," sagte Riuge und drehte sich um auf den
Bauch, „du weißt ja, wie ich mit dem vorigen
Wagen hereingefallen bin — der war so schwer
zu fahren!" Und a!Ie beide, er und der Bruder,
wußten, daß es eine tolle Lüge war. Aber sie
machten so, als ob sie daran glaubten — auf die
Weise nämlich wurde aller Streit und Zank in
der Familie vermieden.

Und so bekam Riuge sein Geld. Er schlief
ein paar Stunden in der Werkstatt und ließ sich
nachher von dem kleinen Gehilfen des Bruders
eine Kurmaia holen und fuhr dann Mittag essen.

Denselben Abend ianden ihn die KoIIegen in
Thränen aufgelöst. Er saß und schüttelte den
Kopf und sprach nur in selbstveriertigten Sprich-
wörtern, weil er wußte, daß diese Art immer auf
die Zuhörer wirkte.

„Das Leben ist ein Goldfisch!" sagte er und
schielte, um zu sehen wie seine Worte wirkten,
„wenn man ihn an den Kopf greiit, bekommt man
nur den Schweif in die Hand!"

„Was ist denn los?" fragte der dicke Okusai,
der war so gutmütig, wie Jie Nacht im Winter
lang ist.

„Die Freude eines Mannes ist wie ein ganzer
Kasten voll Teeblätter!", sagte Riuge und
schluchzte noch höher, „der immer reichen würde,
aber wehe dem Mann, aus dessen Kasten der Bru-
der seiner Familie zu trinken gibt!"

„Ist etwas nicht in Ordnung mit deinem Bru-
der?" fragte Okusai und legte seine Hand auf die
Schulter Riuges. Er war selbst den Thränen
nahe, als er dieses Herzensweh sah, „was hat er
dir angetan?"

„Der von seinem Bruder schleohtes spricht,
ist wie ein Fuchs ohne Schweif!" antwortete Ri-
uge und umarmte die Beine Okusais. „Die Mük-
ken können ihn stechen, ohne daß er etwas hat,
womit er sie wegjagen kann!"

Okusai mußte seine Tränen wegwischen, wenn
er so viel Feingefühl hörte, und Riuge bekam von
ihm einen Taler extra. So nach und nach hatte
er alle seine Kollegen wütend auf den hartherzigen
Bruder gemacht — und den Bruder auf die gei-
zigen KoIIegen gehetzt.

Und zu der Zeit da Riuge seinen Schmerbauch
ein bischen genierlich fand und außerdem seine
Rekonvaleszenz langweilig, an diesem Tag be-
schlossen die beiden Parteien, geradeaus mit ein-
ander zu sprechen.

Den Vormittag war Riuge bei Kinza, der eben
einen guten Verkauf beendet hatte.

„Hier ist was für dich!" sagte der Lackierer
und gab Riuge einen beträchtlichen Teil des Ver-

dienstes, „aber ich finde doch, daß deine KoIIe-
gen —. Es ist doch Brauch, daß KoHegen ein-
ander helfen!"

Piuge schüttelte den Kopf und schielte zu dem
Bruder hin, der eben den Pest des Geldes in
einem Schränk einschloß.

„Wenn du nur mit den Leuten sprechen woll-
test! Heute abend," sagte er, „aHe Leute kennen
dich. Sie haben alle Achtung vor dir. Sie wer-
den auf dich sehen, wie auf eine Lilie!"

So wurde es denn verabredet, daß Kinza heute
abend in dem kleinen Teehaus neben dem Bahn-
hof sein sollte, um mit den KoIIegen zu reden.

Ein paar Stunden später kam Okusai zu der
Haltestelle, er hatte ehnige Peisende durch die
Städt gefahren.

„Hast du gut verdient?" fragte Piuge, „du Sohn
der siebenundsiebzig Poninen?"

„Ich habe immer etwas übrig für einen Kolle-
gen, aber ich finde doch, daß dein Bruder näher
daran zu helfen ist!"

Piuge bedeckte beschämt sein Gesicht:

„Eine Frau wand sich auf dem Lager," sagte er
langsam und feierlich, „und obgleich sie früher
einen Sohn geboren hatte, dessen Augen nach
Osten gerichtet waren und dessen Herz aus Qold
war, gebar sie jetzt einen Sohn, dessen Augen
gegen Norden gerichtet waren, und den keine Not
rühren konnte!" Okusai brummte vor Wehmut
und Alitleid mit dieser Tragödie.

„Wenn du nur heute abend mit meinem Bru-
der reden wohtest," sagte der hart Behan-
delte zuletzt, „denke daran, daß die ganze Welt
dich liebt. Dein Gesicht zu sehen ist wie eine
Tasse Tee zu trinken!"

So wurde also verabredet, daß Qkusai und drei
andere, die alle zusammen mit Piuge wohnten, in
dem kleinen goldenen Teehaus am Hafen diesen
Abend mit Kinza reden sollten.

Spät in der Nacht kamen die beiden klagenden
Parteien, jede in ihrem Haus angelangt, müde und
wütend, für Narren gehalten zu werden. Und zu
Hause begegnete ihnen ein neuer Aerger. Ihr
Geld war fort.

Denselben Abend aber war Piuge, mit Geld
wohlversehen, nach Peking abgefahren.

Und jetzt kamen frohe Zeiteii während der
Boxeraufstände. Piuge sch)oß sich zusammen
mit einigen Gleichgesinnten und er lernte den
Krieg lieben: nichts war schöner als langsam
und gemütlich nach eigenem Gutbefinden einem
Truppenteil auf den Fersen zu folgen und da fort-
zusetzen, wo die beendet hatten. Es waren glück-
liche Tage und lebendige Nächte. Piuge konnte
schon sagen, daß er aHerlei erlebt hatte, und
außerdem fand er es sehr patriotisch, sozusagen
auf Kosten der Chinesen zu leben. Es war etwas
Edles darin.

Aber diese Freude dauerte nicht lange. Und
dann kam Piuge in die verzweifelte Situation,
alles mögliche machen zu müssen. Und eines
Abends, als er sich als Führer für einen französi-
schen Handelsmann verdingt hatte, kam er zufäl-
!ig dazu, diesen etwas härter um den Hais zu
k!emmen, a!s er gedacht hatte, ehe er sich des-
sen Brieftasche zueignete. Er hatte seit zwei
Tagen nichts gegessen als dies geschah, und seine
erste Wanderung ga!t a!so einem Fteischtopf und
danach meldete sich der Durst. AIs dieser gründ-
lich gelöscht war, kam der Freundschaftsdrang.

„Du bist mein Bruder!" rief Piuge und um-
armte einen dreckigen Chinesen, der an seiner
Seite saß. Ehe er das tat, war er doch so vorsich-
tig, sich auf die Brieftasche zu setzen. Er wußte
sehr gut, wozu eine Umarmung benutzt werden
kann. Ungefähr eine Woche dauerte die Freude.
Riuge und der dreckige Chinese, der schon iängst
seinen Zopf in irgendeiner Strafanstalt ver!oren
hatte, durchstreiften die Stadt kreuz und quer.

Eines Tages standen sie vor einer Hausecke,
an der eine Bekanntmachung angeschlagen war.

„Was liest du?" fragte Riuge den Chinesen.
Riuge war glücklich besoffen und hing in seinem
Arm.

Der Chinese !as !aut vor. Es war eine Bekannt-
macnung des französischen Konsulats. Eine Prämie
wurde dem versprochen, der dazu beitrug, daß
der Mörder des Handelsmannes gefunden würde.
Die gestohlene Brieftasche mit den Papieren
wurde zuletzt ganz genau beschrieben.

Die Stimme des Chinesen wechselte ailmählich
den Ausdruck, je weiter er las. Zuerst ganz
gleichgültig, wurde sie langsam und dick, und zu-
letzt wieder übertrieben gleichgültig. Er drückte
nur den Arm seines Freundes ein bischen. Riuge
schielte zu ihm hin und wurde schwerer und
schwerer zu schleppen.

Später, am Nachmittag, fing der Chinese an
mit seinen Taten von alten Zeiten zu protzen:
Einbruch und Diebstähle, und ein paar kleine
Mordchen. Riuge woHte natüriich nicht zurück-
stehen und er fing an die Geschichte mit dem
Handelsmann zu erzäh!en. Er erzäh!te sehr um-
ständüch und eindringlich.

„Eigentiich konnte ich ja nicht dafür," sagte er
zuletzt und weinte aus Mit!eid mit sich seibst.

„Es war gar nicht meine Schu!d, es war seine
eigene Schu!d, warum zeigte er immer die Brief-
tasche und versteckte sie nachher so sorgfältig,
das hätte er nicht machen sollen. Es war seine
eigene Schuld, mein Liebling, das schwöre ich
dir. Da der Chinese, unsagbar einig mit ihm, sich
bereit machte, Riuge zu umarmen, vergaß dieser
die Vorsicht, sich auf die Brieftasche zu setzen
und es gelang dem Chinesen, sie zu nehmen. Er
ging fort und woHte das Geld zuerst nehmen,
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