Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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wir am nächsten Morgen mit dem Frühesten bei
diesem Freunde des Fürsten Demidoff vorsprachen.
Raffet war schon zum Ausgehen bereit, er wurde
im Louvre erwartet und schlug uns vor, ihn dort-
hin zu begleiten. Er führte uns geraden Wegs vor
Rembrandts „Pilger von Emmaus" und zu den „Ka-
valieren" des Vclasquez, dann blieben wir bei den
Zeichnungen der Meister, hauptsächlich Watteaus
und Chardins, wo wir mit Deveria, dem Schöpfer,
der „Geburt Heinrichs des Vierten", zusammentrafen,
mit dem er sich dort verabredet hatte.

Deveria führte uns zu Veronese und hielt eine
begeisterte Lobrede auf die Italiener. „Unsere
jungen Freunde", sagte nun lachend Raffet, „haben
sehr brav dem Advokaten zugehört. Jetzt könnte
der Maler ihnen sein Bild im Luxemburg zeigen."
Dort waren wir nur kurz, Raffet machte Deveria
einige Komplimente, in die wir einstimmten, was
uns die Freundschaft und Protektion Deverias ein-
trug.

„Das ist ja alles sehr schön", sagte Manet, nach-
dem wir uns von Raffet und Deveria verabschiedet
hatten, „aber ein Meisterwerk befindet sich im
Luxembourg, und das ist die ,Barke des Dantec.
Wenn wir Delacroix besuchen wollten, so könnten
wir, als Grund für unser Kommen, ihn um die Er-
laubnis bitten, die ,Barkec zu kopieren." „Nehmt
Euch in Acht", sagte Murger, dem Manet unseren
Plan beim Frühstück mitteilte, „Delacroix ist
eisig."

Ganz im Gegenteil empfing uns Delacroix in
seinem Atelier in der Rue Notre-Dame de Lorette
mit vollendeter Liebenswürdigkeit, fragte uns nach
unseren Lieblingen in der Kunst und nannte uns
die seinen.

„Man muss, Rubens sehen, sich an Rubens be-
geistern, Rubens kopieren, Rubens ist der Gott."

Sein Schüler, Andrieu, der mit ihm arbeitete,
begleitete uns heraus.

Als sich die Tür hinter uns geschlossen hatte,
sagte Manet: „NichtDelacroix ist kalt, seine Lehre
ist eisig. Trotz alledem wollen wir die ,Barkec ko-
pieren. Es ist ein famoses Bild". Nach der ,Barkec
machten wir im Louvre eine Skizze der ,Kavalierec
des Velasquez.

„Gottlob", sagte Manet, mit einem Seufzer der
Erleichterung, „das ist reinliche Arbeit, das verekelt
einem gründlich allen Mischmasch und alle Saucen".

Manet las wenig und schrieb gar nichts, aber er
beobachtete scharf und sein Auge war derartig

sicher, dass man sich fragen muss, ob die Regeln
der künstlerischen Ausbildung, so, wie sie gang
und gäbe sind, nicht geradezu eine verhängnisvolle
Wirkung auf einen von Natur begabten Menschen
ausüben müssen. Er bevorzugte — und zwar spreche
ich von seiner Studienzeit, in der er Skizzen machte,
die eben so vollendet im Ausdruck waren wie die
durchgeführtesten Werke seiner letzten Lebensjahre
— helle und ruhige Sujets.

War er sich seiner Sympathieen voll bewusst,
so gilt das in nicht geringem Grade von seinen
Antipathien. „Die erste Forderung der Klugheit an
einen Maler", sagte er, „besteht darin, niemals durch
die Rue Lafitte zu gehen; ist es aber absolut nicht
zu umgehen, so hüte man sich davor, einen Blick
auf die Schaufenster der Kunsthändler zu werfen."

Trotzdem gingen wir Beide eines Tages durch
die Rue Lafitte, und ein Kunsthändler war es, der
uns das Leben rettete. Es war in den Dezember-
tagen des Jahres i 8 5 i. Unser Ziel war der Boule-
vard; wir wollten sehen, was dort vorging; man
hatte gerade einige harmlose Spaziergänger totge-
schossen. Eine Abteilung Kavallerie warf sich in
die Rue Lafitte und fegte alles was ihr in den Weg
kam, über den Haufen. Der Kunsthändler Beugiet
rettete uns das Leben, indem er uns in seinen halb-
offnen Laden hineinzog; es war die höchste Zeit.
Zwei Tage später gingen wir mit unseren sämt-
lichen Ateliergenossen auf den Montmartre-Kirch-
hof. Die Toten, es waren Fünf- oder Sechshundert,
lagen in Reih und Glied, mit einer Lage Stroh be-
deckt, nur die Köpfe waren sichtbar. Die Be-
amten Hessen die mit numerierten Einlasskarten
versehenen Besucher, in Gruppen von zwanzig Per-
sonen, auf schwankenden Brettern zu Füssen der
Opfer vorbeidefilieren. Von diesem schaurigstillen
Anblick, in den von Zeit zu Zeit die herzzerreissen-
den Schreie der Unglücklichen hineintönten, die
einen ihrer Angehörigen erkannt hatten, blieb uns
ein so fürchterlicher Eindruck zurück, dass im
Atelier, wo die Sorglosigkeit der Jugend sonst
alles bespöttelte, des Besuchs auf dem Montmartre-
Kirchofe niemals Erwähnung gethan ward. Manet
machte jedoch eine Zeichnung in schwarzer
Kreide, die das Grauenvolle jenes Eindrucks wieder-
gab und legte sie in eine Mappe, ohne sie jeman-
dem zeigen zu wollen. Schliesslich aber, glaube
ich, überredete ihn einer unserer Kameraden,
Chateauvillard, dazu, sie ihm zu schenken.

Fortsetzung folgt.

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