Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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DIE SAMMLUNG REBER

VON

EMIL WALDMANN

as der Gemäldesammlung Reber
Lihren Charakter giebt, das ist
|ihre Jugend. Jugend im doppel-
ten Sinne, Jugend als Geschichte
- sie ist noch keine drei Jahre
alt — und Jugend als Empfindung. Es giebt heute
keine andere Sammlung, in der eine derart frische
Luft weht. Ein junger kunstbegeisterter Mensch, der
weniger ererbte als er erwarb, hat da eine Anzahl
von Meisterwerken zusammengebracht, denen man
es ansieht, dass sie wirklich innerlich zu ihrem Be-
sitzer gehören. Es wäre leicht, heute eine Samm-
lung „avancierter" Kunst zu bilden, von jener
Kunst, von der ihre Verfechter sagen, dies sei nun
die Kunst der Zukunft (was niemand wissen kann).
Aber eine Sammlung hinzustellen, die es mit den
Klassikern der Moderne zu thun hat und trotzdem
frei ist von Anwandlungen von Altersschwäche,
die so lebendig ist, dass in ihr auch noch Platz
bleibt für eine gewisse Zahl von Werken ver-
gangener Epochen, bis ins sechzehnte, ja ins fünf-
zehnte Jahrhundert hinein, das ist schon schwerer.

Dazu braucht man nicht nur, was so billig ist,
„modern" zu sein, dazu gehört ein sicherer Ge-
schmack und ein selbständiger Instinkt, der sich
von trockener Wissenschaft nichts weismachen
lässt. Darum war die Ausstellung dieser Samm-
lung ein Ereignis im deutschen Kunstleben und
erfordert eine Auseinandersetzung an dieser Stelle.
Wollte man chronologisch vorgehen, so müsste
man sich zunächst mit den alten Bildern, mit den
Oberdeutschen, mit den Holländern, mit Goya be-
schäftigen, und dann zu den Modernen, zu den
Meistern des neunzehnten Jahrhunderts, übergehen.
Aber man thäte damit nicht nur dem Gesamt-
charakter unrecht, weil man vor diesem Ensemble
kaum entwicklungsgeschichtlich gestimmt ist, son-
dern auch der Entstehungsgeschichte dieser Samm-
lung. Sie ging von den lebenden Kunstwerken
aus, von unsrer Zeit. Das andre kam hinzu. So
war es auch durchaus richtig empfunden, dass
in der gut gehängten Ausstellung keine zwei Ab-
teilungen gebildet waren, „Altes" und „Neues",
sondern dass alles durcheinander hing, Beijerens

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