Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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RUDOLF VON ALT
GEDÄCHTNISAUSSTELLUNG DER WIENER SEZESSION

VON

A. ROESSLER

Um den hundertsten Geburtstag ihres verstorbenen Das nächstälteste Bild, gleichfalls ein Stephansdom, in
Ehrenpräsidenten würdig zu feiern, hat die Se- Ölfarben gemalt undi83 2 bezeichnet, gehört zumBestand
Zession diese Ausstellung veranstaltet und sich damit der kaiserlichen Gemäldegalerie, aus der es für die Dauer
selbst geehrt. Obwohl aus der schier unübersehbaren dieser Ausstellung der Sezession geliehen wurde. Neben
Fülle des Lebenswerkes nur zweihundert und etliche diesem uns erhaltenen ersten, ist in der Ausstellung
Arbeiten sorgfaltig ausgewählt wurden, spiegelt sich auch der letzte von Rudolf Alt gemalte Stephansdom

zusehen. Er ist im Jahre
1898 gemalt worden.

Aus der ganzen Zeit,
die zwischen Alts Beginn
und Ende liegt, sind die

in dieser verhältnismässig
kleinen Anzahl dennoch
der ganze Rudolf Alt.

Was man zu sehen be-
kommt, ist sehr zum Ver-
wundern, mag man das
meiste auch von früher
her schon kennen, denn
es wird einem dadurch
neuerdings augenschein-
lich gemacht, mit welch
unvergleichlicher Beharr-
lichkeit und Scharfsichtig-
keit, Immenemsigkeit, un-
bestechlicher Wahrheits-
treue und handwerklich
meisterlicher Gediegen-
heit Rudolf Alt die sicht-
baren Wirklichkeiten der
Welt malerisch wiederzu-
geben beflissen war.

Um Rudolf Alts künst-
lerische Herkunft deutlich
zu machen, haben die Ver-
anstalter der Ausstellung
■in die Kollektion seiner
Arbeiten auch einige sei-
nes Vaters Jakob einge-
reiht, an denen Rudolf
mittätig war. Es sind das

einige von den 129 „Guckkastenbildern" aus der Fidei-
kommissbibliothek, seinerzeit für Kaiser Ferdinand ge-
malt. Ausser an den „Guckkastenbildern" die Alt als
Neunzigjähriger einmal wiedersah undzuungefähreinem
Drittel als von seiner Hand herrührend bestimmte,
hat er auch noch an den von seinem Vater für den

R. VON ALT, SELBSTBILDNIS

AUSGESTELLT IN DER WIENER SEZESSION

köstlichsten Proben dar-
geboten. Figurenstudien
und Bildnisse aus der
Wachspomaden und Dreh-
lockenzeit; wundervolle
Interieurs, die vielleicht
noch auffallender als seine
Architekturbilder eine
mühelose Beherrschung
der Perspektive und des
Kolorismus veranschau-
lichen. Während die Ar-
chitektur dem modernen
Maler gemeinhin nur dann
interessant zu sein pflegt,
wenn sie in einer gewissen
„romantischen" Verwilde-
rung malerisch ist und er
sie ebensogut wie vieles
andere zu einem bloss
gegenständlichen Träger
seiner koloristischen Ab-
sichten gebrauchen kann,
kommt bei Alt die Archi-
tektur zu ihrem vollen
Recht als die geistvolle Ergänzung der Natur, als eine der
ehrwürdigsten Kultursprachen der Menschheit. Rudolf
Alt beherrschte künstlerisch alle architektonischen Spra-
chen und Dialekte, das Griechische, Römische, Gotische,
Venezianische, den Schweizer Holzdialekt und die nüch-
terne Kanzleiprosa des k. k. Beamtenbaustils mit gleicher

Mansfeldschen Verlag lithographierten Blättern fleissig Geläufigkeit und wusste jeder architektonischen Aus-
mitgearbeitet. In jene Zeit der stillen namenlosen Mit- drucksweise das für sie bildmässig Charakteristische,
arbeit an seines Vaters Aquarellen und Steinzeichnungen die Seele abzugewinnen. Und wie malte er all das!
fällt auch Rudolf Alts erste selbständig ausgeführte Auf- Wie sind die Formen der Dinge von Licht und Luft um-
tragsarbeit. Es war dies eine Ansicht des Stephansdomes. huscht! Die Beobachtung und malerische Darstellung
Sie wurde mit 12 fl Wr. W bezahlt und ist verschollen. der atmosphärischen Vorgänge waren dazumal, zu der

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