Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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SCHWARZ-WEISSE DIORITSCHAI.E, DURCHSCHEINEND. DURCHMESSER 2b,5 CM.

ÄGYPTISCHE STEINVASEN

I M BERLIN" F. R M USEU M
VON

HEDWIG TECH HEIMER

Im Folgenden soll auf einige vortreffliche Stücke alt-
ägyptischer Kunst in der Berliner Sammlung hinge-
wiesen werden, die bisher von den Kunstfreunden wenig
beachtet wurden. In dem Saal der ältesten Funde stehen
Vitrinen mit den kostbaren Steingefäßen aus Abusir el
Melek. Sie stammen aus dem vierten vorchristlichen
Jahrtausend, einer Zeit des glänzenden Aufschwungs
unter den Pharaonen der ersten und zweiten Dynastie,
nachdem Agvpten sich unter jMenes als politischer Ein-
heitsstaat konstituiert und durch die noch neuen Erfin-
dungen der Kupferbearbeitung, des rotierenden Stein-
bohrers, der Hieroglyphenschrift eine ungeahnte Aus-
nutzung seiner natürlichen Hilfsquellen und Steigerung
seines materiellen und geistigen Besitzes erfahren hatte.
Die Grabstätten der Zeit mit ihren Nischenfassaden,
Granitverkleidungen und den Überresten ihrer kostbare
Totenbeigaben spiegeln den wachsenden Reichtum und
Luxus und den staunenswürdigen Aufstieg der Künste
und Handwerke; sie enthielten auch in Tausenden von

Bruchstücken die schönen Steinvasen, die sich jetzt in
den Museen zu Kairo, Berlin, Paris und London belinden.
Es sind Meisterstücke aus dem härtesten bunten Granit,
Diorit, Syenit, Porphyr und graugrünem Schiefer, die
schönsten aus geädertem orientalischen Alabaster. Un-
verzierte Töpfe, Schalen, Becher und Salbgefäße, deren
Wert einzig in den makellosen Proportionen, dem un-
tadeligen Handwerk und in der Pracht des Gesteins
liegt. Verfertiger und Besteller suchten die Schönheit
der bunten Steine, besonders des Alabasters, auf: die
blaßgelben Stücke mit wolkiger Tönung und die gold-
gelben mit breiten rostroten Wellenbändern wurden
geschätzt, auch die reinen honigfarbenen, die bläulich-
irisierenden und die milchigweißen mit blutrotem Ge-
äder. Sie wurden zu dünnwandigen Gefäßen verarbeitet,
damit im durchscheinenden Licht die Zeichnung und
Färbung hervortrete, und es sind Stücke unter ihnen,
die bereits jene optische Sensibität verraten, der die
Ausbildung des relief en creux zu danken ist. Über-

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