Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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HAMBURG

Die fünfte graphische Ausstellung des Deutschen
Künstlerbundes in Cotnmeters Kunstsalon wurde durch
eine Ansprache Graf Kalckreuths eröffnet. Kalckreuth
empfahl Toleranz gegen alle Richtungen unserer Kunst
und die Jury hat solche Toleranz im weitesten Maasse
geübt. So sind von 4 500 Einsendungen immerhin noch
1000 Blätter ausgestellt. Aber es fehlt an Höhepunkten.
Auch der Villa Romana-Preisträger dieses Jahres, Moritz
Melzer, bedeutet keinen. Im allgemeinen ist die weitere
Kultivierung des Holzschnitts zu konstatieren, neben
dem älteren Wilh. Laage, dem Schiefler schon einen
eigenen Katalog widmet, treten hervor: Gustav Scheffer-
Chemnitz, Albert König-Eschede, Heine Rath-Grune-
wald, Walter Klemm-Dachau.

Die Jury-Mitglieder selbst sind nicht glücklich ver-
treten. Max Klingers Porträtköpfe sind erschreckend
hart, auch Klingers Verhältnis zur Farbe hat gelitten, das
beweist ein grün illuminierter Greiner-Kopf, während
das schöne Stefan-George Bildnis schon in der Zeichnung
den Plastiker zeigt. Feine Akte bringen vor allem die
Bildhauer Lehmbruck, Albiker neben Corinths älteren
Blättern. Als Radierer sind Franz Fiebiger-Magdeburg
mit einer Tanz-Serie und Amandus Faure-Stuttgart mit
Daumierschen Szenen bemerkenswert. Ein paar feine

Blätter von Paeschke und Weinzheimer und Lieber-
mann erheben sich über das allgemeine Niveau. Aller-
lei Stilisierungsversuche (Schwalbach, Kogan) bleiben
im krampfhaft Manierierten stecken. Die Gesamt-
stimmung der Ausstellung zeigt ein qualvolles Suchen
nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, ein forciertes
Wollen ohne die Fülle der quellenden Inspiration. Der
Künstlerbund erwirbt sich mit solch riesigen Graphik-
Ausstellungen kein Verdienst. Man sollte einschränken
und zurückhalten, statt zu ermuntern und hervorzu-
locken, was unreif und richtungslos umherirrt.

Die Neuorganisation unseres Kunstvereins durch
Theodor Brodersen erweist sich als fruchtbar. Durch
CassirersOthonFriesz-Kollektion, vermehrt durch Genin,
E. R. Weiss, wenige Renoirs und Trübners wurde der
Hamburger „Kunstfreund" zu offenem Protest gereizt,
aber energisch zurückgewiesen. Eine Porträt-Ausstellung
aus hiesigem Privatbesitz zeigte das erschreckendeTalent
der Hamburger Wohlhabenden die unechten kitschigen
Schmeichler herauszufinden, die ehrlichen und talent-
vollen Realisten aber zu übersehen. Einige gute Aus-
nahmen, Porträts von Liebermann, Slevogt, Corinth und
Meid, sind wohl auf das Beispiel der Kunsthalle zurück-
zuführen. Die Juni- Ausstellungbringt Vlaminck, Camoin,
d'Espagnat und den Bildhauer Bosselt. Hakon.

CHRONIK

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JUSTUS BRINCKMANN

Justus Brinckmann, der Gründer und Leiter des Ham-
burger Gewerbe-Museums hat unter den achtungs-
vollen Zurufen der Reichsdeutschen seinen sieben-
zigsten Geburtstag gefeiert. Es ziemt sich auch an dieser
Stelle daran zu erinnern, dass nicht nur Hamburg,
sondern das ganze deutsche Museumswesen diesem vor-
tefflichen Gelehrten und Organisator viel verdankt.
Die Erforschung und Belebung der Volkskunst, ist ohne
Brinckmann nicht denkbar; und in aller Gedächtnis
ist es, was der Hamburger Museumsdirektor für die
Kenntnis japanischer Kunst bei uns gethan hat. Indem
er aus seinem Museum, aus kleinsten Anfängen heraus,
ein Musterinstitut gemacht hat, in dem gezeigt wird,
dass das Museum des Lebens, der gegenwärtigen Kunst
und des Handwerks unserer Tage wegen da ist, hat
Brinckmann dem deutschen Museumswesen überhaupt
ein wichtiger Förderer werden können. Er gehört in
die Reihe der bedeutenden Persönlichkeiten unter
unseren Museumsleitern, neben Tschudi, Lichtwark
und andere ihrer Art. Aber er hat noch den Ruhm vor
diesen voraus, dass er der erste war, der die Aufgaben
eines lebendigen Museums erkannte. In seiner sieben-
zigjährigen Jugendfrische wirkt er noch heute oft wie
ein begeisterter und begeisternder Führer. K. S.

BERLINER SEZESSION
Infolge eines Konfliktes mit den von der Jury der
diesjährigen Ausstellung Refusierten, sind in der letzten
Generalversammlung 42. Mitglieder, darunter der Vor-
stand und der Ehrenpräsident Liebermann, aus dem
Verband der Berliner Sezession ausgetreten. Man darf
sagen, dass fast alle originalen Talente gegangen und
nur eine Anzahl bürgerlicher Begabungen — wenn man
Corinth ausnimmt - geblieben sind. Damit hat die
Sezession thatsächlich zu bestehen aufgehört, wenn es
nicht doch noch zu einer Einigung kommt, die die aus-
getretenen Künstler wieder zurückführt. Vorläufig
ist die Entwicklung der Dinge noch nicht abzusehen.
Wir begnügen uns darum mit der Konstatierung der
Thatsachen. Und mit dem Ausdruck eines starken
Unbehagens, dass eine Künstlervereinigung, der die
entscheidenden deutschen Talente angehört haben, die
auf eine ruhmreiche Geschichte zurückblickt und auf
die ganz Deutschland fortgesetzt die Augen gerichtet
hat, so kläglich enden will -, dass eine Majorität der
Besten von einer durch falsche Behandlung zu einer
radikalen Vereinspolitik und zur Obstruktion getriebenen
Minorität mittlerer Begabungen kampflos kapituliert
und sie im Besitz des Namens „Berliner Sezession"
zurückgelassen hat —, dass durch die Unfähigkeit

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