Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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ALTE GRABMALE VOM SCHMELZER FRIEDHOF IN WIEN

DER SCHMELZER FRIEDHOF

VON

ALEXANDER KURZ

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Das war so hübsch in der alten Zeit, man hatte die
lieben Toten so dicht bei sich, die Denksteine zier-
ten die Kirche, in der man getauft war, wo man mit der
„Scheinpflugin" oder sonst einem Bürgertöchterlein vor
den Altar getreten war. Und Sonntags nach dem Hoch-
amt konnte man in aller Ruh die zierlich gemeisselten
Steine betrachten, die vom Ahn sprachen, der von
Böhmen oder sonst woher eingewandert und mit Hobel
oder Nadel als emsiger Mann Haus und Wohlstand sich
erwarb. Es war dem Handwerksmann Erbauung und
Stolz.

Das sollte anders werden, wie vieles im Land. Sass
da ein Herr auf den Thron, der schon unter seiner
seligen Mutter Regierung alles gern so gerichtet, wie
es die Neunmalweisen als zuträglich für den Staat und
seine Unterthanen herausgefunden hatten. Da war
nichts alt und ehrwürdig genug, dass es damit schon
ein Recht auf Weiterbestehen gehabt hätte. So zeigte
sich auch der alte Brauch, die Toten hübsch bei sich zu
haben, als nachteilig für die Gesundheit, und eine Zeit,
die auf alte Gewohnheiten des Lebenden, altes Recht
und Unrecht, kein Bedacht nahm, die machte mit den
Toten vollends kurzen Prozess.

Mit den „schönen Leichen", auf die der Wiener
damals wie heute, ein gutes Stück Geld verwendet,
wars vorbei. Und die Friedhöfe kamen hinaus, weit

vor die Wälle, die man einst zu Türken- und Kurutzen-
abwehr erbaut hatte, weit hinaus, wo der Weg den
Eingesessenen eine Reise dünkte.

Doch in dem Donauland, wo die Sonne schon kräf-
tiger herabbrennt, als im deutschen Norden, da mochte
auch eine so nützliche und nüchterne Einrichtung wie
die neuen Friedhöfe bald ein schöneres Bild gewähren.

Die neuen Wohnungen der Toten vor Hundsturm,
bei St. Marx und bei der Lerchenfelderlinie wurden
herrliche Gärten.

Von diesem letzten will ich heute sprechen. Es ist
der Friedhof auf der Schmelz.

Die Schmelz ist ein weit ausgedehntes, unbepflanztes
Feld, das hauptsächlich den Truppen als Übungs- und
Paradeplatz dient. Es ist heute von den Häuserwällen
der äusseren Bezirke rings eingegrenzt und ein be-
liebter Sammelplatz der dunklen Existenzen. Wo diese
Wüste sich in die Häuser einkeilt, in dem Eckchen liegt
der Friedhof.

Wie das Wartenmeer die bröckelnden Inseln be-
spült und nicht ruht, bis es das letzte Stück des Erd-
reichs verschlungen hat, so dulden unsere grossen
Städte in sich kein unbebautes Land. Jetzt ist die
Reihe an der Schmelz und um die wäre es kein
grosser Schaden; aber den Regulierungsarbeiten und
Strassenzügen fällt auch die Unberührtheit unseres

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