Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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NEUE BUCHER

ÜBER BAUKUNST

BESPROCHEN VON W. C. BEHRENDT

Dr. Werner Hegemann, Der Städtebau nach
den Ergebnissen der allgemeinen Städte-
bau-Ausstellung in Berlin nebst einem Anhang:
Die Internationale Städtebauausstellung in Düsseldorf.
Erster Teil. Berlin 1911. Ernst Wasmuth A.-G.

Der Gegenstand dieses grossangelegten, auf drei
Bände berechneten Werkes, von dem zunächst nur der
erste, 144 Seiten imQuartformat umfassende Teil vorliegt,
bildet die wissenschaftliche Wertung der prinzipiell
wichtigen Ergebnisse einer Ausstellung, die für viele zu
einem fruchtbaren inneren Erlebnis geworden ist und
deren praktische Folgen für eine Klärung der Anschau-
ungen auf dem Gebiet des Städtebaues unabsehbar ge-
nannt werden müssen. Das dankbare, aber äusserst
verwickelte und eine Summe genauester Detailkennt-
nisse erfordernde Thema hat hier einen ausgezeichneten
Darsteller gefunden, dessen Arbeit eine über ihren
sachlichen Wert hinausgehende Bedeutung gewinnt,
weil der Schreiber seiner Aufgabe nicht nur wissen-
schaftlich, sondern, was in diesem Falle nicht weniger
wichtig ist, auch menschlich gewachsen war. In dem
vorliegenden ersten Teil ist die Entwicklung des leiden-
schaftlichen Kampfes geschildert, der seit den neunziger
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts um die städtebau-
liche Gestaltung Berlins geführt wird. Die endlose
Kette der Niederlagen, die die aufbauenden Gedanken
einsichtsvoller Kommunalpolitiker und Stadtbaukünstler

immer wieder in Berlin erlebt haben, wird vor dem ge-
spannten Leser abgewickelt und das bewegte Bild dieser
folgenschweren Geschehnisse wird ihm in einer sehr
gepflegten, dramatisch zugespitzten Form dargeboten,
die die Lektüre des Buches auch für den am Thema
nicht unmittelbar Interessierten zu einem literarischen
Genuss macht. Wir haben in Deutschland wenige
Bücher wissenschaftlichen Charakters, die in dieser, etwa
an Taine erinnernden Art, geschrieben sind. In jeder
Zeile spürt man die Beherrschung und Durchdringung
des umfangreichen Materials, stets abersteht der Autor
über seiner Sache und im Tempo seiner Darstellung
merkt man seine innere Erregung, seine lebendige An-
teilnahme am Problem und seine heimlichen Neigungen
und Antipathien. Die Bekanntschaft mit diesem Buch
ist von allgemein bildendem Wert, ein Vorteil, den so-
genannte wissenschaftliche Werke leider nur sehr
selten zu gewähren pflegen.

Damit ist gesagt, was die Arbeit Hegemanns den
Lesern dieser Blätter zur Beachtung empfiehlt. Es sei
hinzugefügt, dass das Werk mit einer Reihe wertvoller
Abbildungen ausgestattet ist und dass namentlich das
Kapitel über die ansiedlungspolitischen und Stadtbau-
künstlerischen Leistungen der älteren Zeit durch die bei-
gefügtenPläne und Reproduktionen alterKupferstiche an
Anschaulichkeit sehr gewinnt. Das Buch ist Otto March,
„dem Träger des Gedankens Gross-Berlin" gewidmet.

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