Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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ÜBER EIN PORTRÄTVON LEIBL

VON

GUSTAV PAULI

so

Das Frauenbildnis Leibls, das die beigegebene Re-
produktion zeigt, ist unlängst von der Bremer
Kunsthalle erworben worden. Aus regelmässigen sym-
pathischen Gesichtszügen leuchtet uns das schönste klare
braune Augenpaar entgegen. Alles auf dem Bilde ist
nach Leibls Art fein und schlicht gesehen und mit jener
geruhsamen Meisterschaft gemalt, die zugleich höchste
Kunst und höchstes Handwerk bedeutet. Erstaunlich
ist es namentlich, wie das Bild trotz aller Körperlichkeit
flächenhaft wirkt und wie trotz aller Treue im Nach-
bilden des Stofflichen doch die Materie in einer ganz
persönlichen Stilisierung vergeistigt ist. — Und so
wollen wir den Naturalismus immer gelten lassen, zu-
gleich naturnah und naturfern.

Das Kostüm der Dargestellten könnte zu Betrach-
tungen darüber anregen, wie es wohl kommen mag, dass
es uns in der Mode nicht so fern steht, wie das jüngst
Vergangene. Doch haben wir Ursache diese befremd-
liche Mode von anno 1900 zu preisen, weil sie Leibl
den Anlass zu einem ungewöhnlich lebhaften und zarten
Farbenarrangement gab. —

Das Urbild unseres Porträts ist eine schöne und
kluge Dame; Leibl hat eine Frau gemalt, weil er die
unterscheidende Nuance nicht bemerkte oder — da man
es angesichts unseres Meisters und seiner Verehrer ge-
nau nehmen muss — weil er sie nicht als Maler sah.
Was Leibl völlig erschaute und durchschaute, das erhob
er, wie es Künstlers Amt ist, aus dem Bereiche des Zu-
fälligen zur „allgemeinen Weihe". So finden wir in den
Menschen auf seinen Bildern eine Reihe von Ständen
typisch und monumental erfasst — den Bauern in allen
Stufen von blöder Jugend bis zum verschmitzten oder
stumpfen Greisenalter, den biederen Bürgersmann, den
„bour geois" (Pallenberg), den jovialen Landjunker,
das Mädchen, die Frau, sogar die ländliche Schlossherrin
(Gräfin Treuberg), schwerlich die Kokotte (das soge-
nannte Bild zeigt vielmehr eine Dirne), und ganz und
gar nicht die Dame. Das bedeutet keinen Mangel, denn
die besten Damenmaler sind trotz van Dyck und Alfred
Stevens nicht die grössten Meister gewesen — aber es
ist bezeichnend.------

Die schulmässige Einteilung in drei Stilperioden der
Jugend, der Reife und des Alters, nach welcher die
Kunsthistoriker die Werke der alten Meister zu sortieren
lieben, wird wohl gelegentlich ein wenig belächelt, doch
hat sie, weil im Erblühen und Verwelken der mensch-
lichen Natur begründet, immerhin einiges für sich. Sie
lässt sich auch auf Leibl anwenden - überraschender
Weise, da ihm doch das Alter eigentlich erspart blieb.
Vorder Zeit überfiel den Starken ein Siechtum und nahm

ihn in der Fülle seiner Meisterschaft hinweg. Wir
wissen, dass ihm der Abschied schwer wurde, weil er
geistig bereichert und erfrischt vieles zu thun noch vor
sich sah. — Unter Kennern werden Leibls Frühbilder
am höchsten geschätzt, wie es aus mehreren Gründen
begreiflich ist. Denn sie sind klassisch in ihrer lockeren
Primamalerei und in ihrer diskreten auf Grau und
Schwarz gestimmten Tonigkeit; sie sind galeriereif im
höchsten Sinne, so dass man sie ungescheut neben Frans
Hals und Jan Vermeer hängen dürfte. Sie stehen
in ihrer Beziehung zu Courbet und zu der besten deut-
schen Malerei jener Jahre als historisch bedeutsam und
maassgeblich da. Ferner aber gewinnen sie uns mit dem
rascheren Pulsschlag der Jugend; sie sind kühn, soweit
die Arbeiten eines so bedächtigen jungen Meisters, wie
Leibl einer war, kühn genannt werden mögen. — Man
denke nur an den Pallenberg, an die Tischgesellschaft,
an den Revolutionär, an die alte Pariserin. Der Meister-
werke sind viele.

Dann kommt für Leibl die Zeit der Vereinsamung
in den oberbayrischen Dörfern. Er zieht sich zurück
wie ein Herrscher, der des Kampfes müde eine fried-
liche Provinz aufsucht, wo alles ihm gehorsam ist. Solch
eine Provinz war für ihn die Welt in Aibling, in Grassl-
fing und Kutterling — seine Welt, die er beherrschte,
weil er sie verstand und liebte und ihre Schönheit in sich
trug. Man wolle nur bedenken, dass er diese stillen
Bezirke als ein erprobter und siegreicher Meister betrar,
gesättigt von einer malerischen Kultur, deren hohe
Muster er in München und Paris bewundert hatte. Und
so brachte er denn seiner neuen Umgebung das erste
Geschenk seiner Dankbarkeit mit einem grossen Meister-
werke dar, mit dem unvergleichlichen Bilde der beiden
Dachauerinnen in der Nationalgalerie. Hier lebt noch
das Temperament seiner Jugendwerke, nur gedämpfter,
gleich einem verdeckten Feuer. Der malerische Vortrag
hat sich verfeinert und gehorcht den zartesten Schwing-
ungen des Gefühls. Die Farben sind lebhafter ge-
worden; das Rot entschiedener, das Weiss leuchtender
und jedes Stück gemalter Fläche wird zu einem Stück
vibrierenden Lebens. — Es lässt sich denken, dass ein
Meister von anderer Begabung und anderen Absichten
grundsätzlich solche Malerei verwirft. Undenkbar aber
ist es, auf diesem Wege mehr zu erreichen. Hier stand
Leibl auf der Mittagshöhe seines Weges; doch bald be-
gann die Einsamkeit ihn zu umschatten. Es ist ein
lächerliches Missverständnis, wenn man meint, dem
grossen Künstler müsse in weltfremder Abgeschiedenheit
am wohlstensein. Als Schaffender ist ernatürlich allein,
ob ihm auch einer über die Schulter sieht. Als Empfan-

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