Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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NEUE BÜCHER

arl Scheffler. Die National-
galerie 2u Berlin, ein kritischer
Führer, mit 200 zum Teil mehr-
farbigen Abbildungen u. c. 200
Seiten Text. Verlag Bruno Cassirer,
Berlin 1912. 40.

Ein Buch von Scheffler aus
Cassirers Verlag in dieser Zeitschrift
zu loben geht nicht wohl an. Es ist auch ohne wei-
teres klar, dass es sich nicht um einen geschwätzigen
Cicerone im wörtlichen Sinne handeln kann. Man
spürt sofort — schon das Titelblatt von Walser sagt
es — dass dieser Führer in eine Region geleitet, wo so
etwas wie Höhenluft weht. Scheffler kommt es letzten
Endes darauf an, die Idee einer nationalen Galerie zu
erläutern. Und diese Idee ist so gewiss das Gegenteil
von Flachheit, dass das Publikum allerdings, um zu dem
hochgelegenen Standpunkt zu gelangen, von dem aus
Hugo vonTschudi sie zuerst erfassthat, des freienFührers
bedarf, der das Terrain kennt und sich nicht an ein offi-
zielles Geländer zu halten braucht. Wo Spalten und Lücken
im Aufstieg klaffen, wird gewissenhaft darauf aufmerk-
sam gemacht, während man über platte Stellen wortlos
hinweggeht. Nicht unerwähnt bleibt, wie sehr die Skulp-
turensammlung noch gegen den übrigen Bestand abfällt
— Scheffler empfiehlt zur Hebung desniedrigenNiveaus
die Veranstaltung einer Jahrhundertausstellung deut-
scher Plastik— und bei der geologischen Erklärung des

Panoramas, dessen einzelne Gebirgsketten sich in klarer
Beleuchtung deutlich voneinander abheben, wird die
merkwürdige Erscheinung berührt, dass ein sonnendichter
Nebel zwei hervorragende Spitzen (Slevogt und Corinth)
am hellerlichten Tag verhüllt.

Es ist Pionierarbeit, die dieser Führer leistet. Er
bahnt, indem er Tschudis Steine des Anstosses zu Schritt-
steinen ordnet, einem breiten Publikum den Weg zum
Verständnis des zweiten Nationalgaleriedirektors und
erleichtert damit zugleich dem dritten Direktor die
konsetjuente Durchführung seines Programms.

Was sich sonst in Galeriekatalogen meist so öde liest,
die obligate historische Einleitung, ist hier fast dramatisch
gestaltet derart, dass die Geschichte der Galerie in der
interessanten Verknüpfung von Vergangenheitsfehlern,
Gegenwartserfolgen und Zukunftshoffnungen selbst als
ein Kunstwerk erscheint. Im ganzen genommen ist es
eigentlich ein aktuelles Buch.

Der Satz des Textes steht, vorbildlich gut, in mattier-
tem Spiegel auf glänzendem Kunstdruckpapier. Auf
diesem kommen auch die 200 Abbildungen (deren nicht
alphabetisches Sonderverzeichnis sich erübrigen würde,
wenn man im alphabetischen Schlussregister die betreffen-
den Zahlen dick druckte oder mit Sternchen versähe)
vorzüglich heraus. Man muss die Auswahl, die Scheffler
getroffen hat, einmal mit den Illustrationen einer älteren
Auflage des offiziellen Katalogs vergleichen. Von den
102 Gemälden und Cartons, die Jordan vor zwanzig

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