Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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UNSTAUSSTELLUNGEN

MANNHEIM
Ausstellung moderner Theater-
kunst
Man erinnert sich noch der schar-
fen, ablehnenden Kritik, die Max
Marterteig in dieser Zeitschrift an derTheaterausstellung
in den Ausstellungshallen am Zoo geübt hat. Diese hatte
über der Bühnengeschichte ganz die eigentliche Bühnen-
kunst vergessen, und gerade diese galt es doch vor allem
zu zeigen, um zu einer Klärung und Sichtung der vielen
strittigen Fragen beizutragen, die jenes Kunstgebiet
mehr als jedes andere überschwemmt. Der Freie Bund
zur Einbürgerung der bildenden Kunst in Mannheim
hat sich der Lösung dieser in der Luft schwebenden
Aufgabe angenommen und eine Ausstellung moderner
Theaterkunst in der Kunsthalle veranstaltet; den aus-
führenden Beamten der Kunsthalle stand in der Person
des Dr. E. L. Stahl in Freiburg ein sachkundiger Bühnen-
fachmann helfend zur Seite. Die Ausstellung gliedert
sich in Abteilungen: Bühnenkunst (Mo-
delle, Bühnenbilder, Figurinen),Theater-
bau, Marionettentheater, angewandte
Graphik des Theaters und einen retro-
spektivenTeil vom Mannheimer Theater.
Der eigentlichen Bühnenkunst sind die
Hauptsäle eingeräumt. Die Darbietung
setzt ein mit einer wirkungsvollen Cha-
rakteristik der beiden Inauguratoren Ed-
ward Gordon Craig und Adolphe Appia,
deren Stiltendenzen und einflussreiche
Bedeutung aus ihren ausgestellten Schöp-
fungen klar ersichtlich werden. Von Craig
sieht man neben dem Bühnenbild für
Hofmannthals „Gerettetes Venedig", das
er seinerzeit für Brahm geschaffen, einen
interessanten Zyklus von Radierungen
„Toward a new theatre", in dem auch
Entwürfe für die Stanislawskysche
Hamletinszenierung des „Theatre d'art"
in Moskau enthalten sind. Appia stellt
seine bekannten Wagnerbilder aus, da
neben einen imponierenden Entwurf zu
Shelleys „Entfesselten Prometheus" und
einige Skizzen für Dalcroze. - Ihr Ein-
fluss im architektonischen Aufbau und
in der neuen Beleuchtungsart lässt sich
an vielen der ausgestellten Bilder ver-
folgen. — Einen neuen Typ des reinen
Bühnenkünstlers repräsentiert Ernst
Stern; ersteht — besonders innerhalb der
Figurinen - im Mittelpunkt. Walsers be-
kannteEntwürfe, Orliks Räuber und Win-
termärchenbearbeitungen, Slevogts Skiz-

zen zum „Florian Geyer" zeigen die verschiedenen Arten
dieser Künstler. Ein „homo novus" für auswärtige Besu-
cher wird Ottomar Starke sein, dessen Bedeutung auf der
Ausstellung an der Hand zweier durchgearbeiteter In-
szenierungen des„Julius Caesar'und„OrpheusundEury-
dike" sehr in den Vordergrund tritt. Die kluge Hand-
habung der bühnentechnischen Mittel, die stark monu-
mentale Art seiner Bilder, der Zusammenklang von
Räumen und Menschen zeichnen seine Kunst aus. Fi-
gurinen zu Eulenbergs „Alles um Geld" zeigen ihn von
einer scharf charakterisierenden Seite. Er war früher
eine Zeitlang am Mannheimer Hoftheater thätig und
wirkt zurzeit an den Vereinigten Theatern in Frankfurt.
Von jüngeren Künstlern treten noch hervor Rochus
Gliese und Knut Ström, die bühnenwirksame Bilder zu
„Macbeth" und stimmungsstarke Entwürfe zu Hof-
mannsthals kleinen Dramen zeigen, und Ralf Vollmer,
der für Hagemann in Hamburg eine interessante Insze-
nierung von Gozzis „Turandot" geschaffen hat. In

PABLO PICASSO, W1LIIELMINTJE
MIT ERLAUBNIS DKK GALERIE KAHNWEILER, PARIS

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