Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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NOTI[ZEN ÜBER DEUTSCHE ZEICHENKUNST

25. AUSSTELLUNG DER BERLINER SEZESSION

VON

KARL SCHEFFLER

WALTER KLEMM, HOLZSCHNITT ZUM „FAUST"

Bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war das
Zeichnen deutscher Künstler eine Verherrlichung der Natur
und des Lebens. Die Kunst war sanguinisch gläubig. In der
zweiten Hälfte des Jahrhunderts kam dann, neben der das
neue Reich gründenden Realpolitik, in der Zeichenkunst die
konstatierende Darstellungsweise auf. Das Künstlerische wurde
materiell begriffen. Mit dem zwanzigsten Jahrhundert endlich
hat sich ein Zeichenstil durchgesetzt, den man als ein Glossieren
der Natur bezeichnen kann. Die Zeichenkunst ist skeptisch
geniessend. Es scheint, als ob dieser letzte Stil, der Stil unserer
Tage, Wertvolleres und Selbständigeres hervorbringt, als der
zart verherrlichende Nazarenerstil oder als der phantasielos derbe
Realistenstil der Gründerjahre. Die Zeichner von heute sind
geistiger und phantasievoller als die der vorigen Generation,
und sie sind physisch gesünder als die Nazarener und Klassizisten.
Lebendige Skepsis ist stets gesund; und eine zum Geistigen
drängende Gesundheit ist immer auch idealistisch gesinnt. Darum
ist unsere neue Zeichenkunst zugleich voller Realismus und voller
künstlerischer Einbildungskraft. Moderne Menschen stellen sich
in ihr mit Hilfe der Natur selbst dar. Glossen über das Ur-
ewige werden zu Selbstbekenntnissen.

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