Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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THEODOR FISCHER, KUNSTGEBAUDE FÜR STUTTGART

CHRONIK

, Seidiws

DER SONDERBUND WESTDEUTSCHER
KUNSTFREUNDE

Nach kurzem Bestehen ist der in Düsseldorf mit viel
Geräusch gegründete „Sonderbund westdeutscher Kunst-
freunde" zusammengebrochen, nachdem ihm nur ein-
mal, in der vorjährigen Kölner Ausstellung, eine weiter-
hin wirkende That gelungen ist. Zurückzuführen ist die
Katastrophe letzten Endes darauf, dass einige der Grün-
der des „Sonderbunds", erschrocken vor den Kon-
sequenzen ihrer eigenen Kühnheit, hinter dem Rücken
ihrer Genossen, sich zu einem Bund der „Friedfertigen"
zusammengeschlossen haben, der den Zweck hat, „die
Geschlossenheit der Düsseldorfer Künstlerschaft wieder
herzustellen". Diese „Friedfertigen", unter der Leitung
der Maler Deusser, Ciarenbach, Breetz, Schmurr und
Ophey, wollten zu gleicher Zeit die Vorteile eines revo-
lutionären Vorgehens und eines akademischen Beharrens
geniessen, sie wollten zugleich im Lager der Jungen und
der Alten einen Fuss haben. Mit dieser edlen Vielseitig-
keit haben sie die ernsten Mitglieder des Sonderbunds,
vor allem eine Reihe von Museumsdirektoren westdeut-
scher Städte, in eine peinliche Situation gebracht. Umso
mehr als sie sich auch sonst einer ziemlich merkwürdigen
Vereinspolitik befleissigt zu haben scheinen. Ein Massen-
austritt von Mitgliedern und Stiftern — auch das Ehren-
mitglied Max Liebermannist ausgetreten— wardieFolge.
Die Kunst verliert durch diese Auflösung oder durch
diese die Existenz des Sonderbundes in Frage stellende
Reduzierung nichts. Es war von vornherein herzlich
wenig Besonnenheit und Urteil bei dieser Gründung;
das hätten die, die jetzt den Schaden tragen, einsehen
und dem zweifelhaften Unternehmen fernbleiben sollen.

Auch stand von vornherein hinter diesem Sonderbund
beängstigend wenig Talent. Immer wieder mussten
Cezanne und van Gogh einspringen. Die „Friedfertigen"
gehören ihrem Talent nach durchaus zu den alten Düssel-
dorfern, sie sind ihren Gaben nach wirklich sehr fried-
fertige Leute. Es sind Malphilister, die der Lärm der
Zeit wild gemacht hat, die zuviel ultramoderne Theorie
zu sich genommen und darüber die Selbstbestimmung
verloren haben. Das Betrüblichste ist, dass soviele ernste
und tüchtige Männer auf den sich mit grossen Redens-
arten drapierenden Ehrgeiz so kleiner Talente reagiert
haben. Es ist immer dasselbe: die Angst „zurückzu-
bleiben". Als ob ein wahrhaft tüchtiger Mann über-
haupt „zurückbleiben" könnte! K. Seh.

GABRIEL VON SEI DL f
Der bekannte Architekt Gabriel von Seidl ist ge-
storben. Nur ein Münchener könnte ihm den rechten
Nachruf schreiben. Denn mit dieser Stadt war er ver-
wachsen — wie Lenbach, wie Gedon. Er war in jeder
Faser ein Süddeutscher. Darum ist sein Ruhm in Nord-
deutschland auch nur platonischer Art. Bei uns kennen
und schätzen ihn nur die Architekten. Es war, wie
Ludwig HofFmann erzählte, Messeis ganzer Ehrgeiz,
„so gut zu werden wie Gabriel von Seidl". Messel
wusste es auch zuletzt vielleicht noch nicht, dass er
selbst viel lebendiger gewesen ist, intellektueller, origi-
neller und kühner als Seidl. Dieser war ungefähr ein
Münchnerischer Ludwig HofFmann. Ungefähr! Ein
feines, kultiviertes Akademikertalent, aber nicht, wie
HofFmann, vorwärtsgetrieben von einem mächtigen
Grossstadtdrängen, sondern mehr biergemütlich be-

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