Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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MAX BECKMANN, DER KÜNSTLER UND SEINE GATTIN

MAX BECKMANN

VON

KARL SCHEFFLER

Sucht man seine Eigenart mit einem einzigen
Wort zu umschreiben — und es zu thun sieht
sich der Betrachter einer komplizierten Künstler-
natur ja wie von selbst verleitet —, so möchte
man sagen: Beckmann, das ist das Phänomen. Wie
sehr dieser Maler das Ungewöhnliche, das drama-
tisch auf die Spitze Getriebene, das Geheime, wie
sehr er das Phänomenische aufsucht, wird vor
allem erkannt, wenn man eine grössere Anzahl
seiner Bilder beisammen sieht, wie eben jetzt bei
Paul Cassirer, und wenn man zugleich an seine
Zeichnungen denkt. Über den Landschaften Beck-
manns drohen fast immer Gewitterhimmel im
Maestoso dunkler Wolkenkämpfe, in den Porträt-
gruppen ist eine Stimmung, die den Augenblick

zu symbolischer Allgültigkeit erhöhen möchte,
man sieht Museumsbilder grossen Formats mit
strudelnden Flimmelfahrten, tumultarischen Ama-
zonenkämpfen, Kreuzigungen voller Entsetzen und
Todesgekreisch, Erdbeben, Vergewaltigungen und
Sterbeszenen. Ja, für die nächste Sezessionsausstel-
lung plant Beckmann gar ein Bild, das den Unter-
gang der Titanic schildern soll. Dieser Maler
mag anpacken was er will: er gerät mehr oder
weniger ins Katastrophale hinein. Er fühlt und
denkt in Superlativen; er ist ganz Spannung. In-
sofern ist er ein Antipode aller Leibl- und Lieber-
mannnaturen. Er will nicht nur die Kunst der
Malerei an sich, sondern er will mittels der Ma-
lerei auch die „grosse Idee", das ethische Pathos,

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