Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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CH. FR. DAUBIGNY, DER ABEND

METROPOLITAN MUSEUM, NEW YORK

CHRONIK

KLEINES SKIZZENBUCH
von CHR. MORGENSTERN

Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man
lernt sie nie aus. Jeder und jede vermögen unter Um-
ständen alle Phasen von der ärmlichsten Hässlichkeit
bis zur lebensvollsten Schönheit zu durchlaufen.

Mir gegenüber liegt ein Haus im Morgenschatten.
In einem seiner Fenster im zweiten Stock scheint jemand
zu lehnen. Unheimliche Lebendigkeit eingebildeter
Personen! Kein lebendiger Mensch könnte mir einen so
intensiven Eindruck von Leben geben, wie diese meine
Vorstellung von einem Menschen dort, der doch in
Wirklichkeit nur ein Kissen oder sonst ein Gegenstand
ist und mir dabei die Tatsache seiner Nichtexistenz
nicht einmal verschweigt.

Dunkelblau gekleidete kleine Mädchen aufgrünen
Matten - - eine beinahe tragische Wirkung.

Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze
erleuchtet, gegen den Nachthimmel. Vision eines geister-
haften Planeten in nächtlicher Dämmerung.

Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine
Tanne mit so reiner Lust? Weil wir da Lebendiges
vor uns sehen, das nur von aussen her zerstört werden
kann, nicht durch sich selbst. Der Bau?}) wird nie an
gebrochenem Herzen sterben und das Gras nie seinen
Verstand verlieren. Von aussen droht ihnen jede mög-
liche Gefahr, von innenher aber sind sie gefeit. Sie
fallen sich nicht selbst in den Rücken, wie der Mensch
sich mit seinem Geist, und ersparen uns damit das
wiederholte Schauspiel unseres eigenen zwiespältigen
Lebens.

*

Bemerke, wie die Tiere Gras und Kraut abrupf en.
So gross ihre Mäuler auch sein mögen, sie tun der
Pflanze selbst nichts zu Leide, entwurzeln sie niemals.
So handle auch der starke Mensch gegen alles, was
Natur heisst, sein eigenes Geschlecht voran. Er ver-
stehe die Kunst, vom Leben zu nehmen, ohne ihm zu
schaden.

(Nach einer Bemerkung Spittelers: „Alle Wasser-
götter haben eine Neigung ins Komische zu fallen") —.•

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