Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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UKTIONSNACHRICHTEN

Die Sammlung Henri Rouart nicht zu Literarischem, zu keinem System und keiner
von Carl Einstein Strömung. Er ass Bilder, verlangte nur Schönheit

Die Lebensarbeit Henri Rouarts von ihnen, ein Wort, das in Deutschland auszusprechen
wurde im Dezember versteigert. fast immer für weichlich gilt. Man bezeichnet
Sammeln war dieses Mannes leben- diese heute verschämt als Qualität. Diese Sammlung
dige Thätigkeit und dieses Sammeln entsprang ent- konnte eine Klassizität gewinnen, der Extravaganz
deckerischem Sehen. Der Begriff des Sammlers hat in oder Gebundenheit durch Kunstmarkt und Theorie
Deutschland bisher kaum eine reine Darstellung gefun- fernliegen. Denn als klassisch muss^ dieses Oeuvre an-
den und bei weitem nicht die Legitimität erlangt, die gesehen werden, frei von Kunstpolitik und unbelastet
er in Frankreich stets besass. Ich meine damit, wir vom dernier cri des Kunstmarktes. Hier wurde nicht
haben in Deutschland eine Menge Käufer, und zwar nach Meinungen, sondern nach einer überaus soignierten
solche, die überraschend viel erwerben; aber bei wem Anschauunggesammelt. Rouart war, wie fast jederbessere
hätte der Erwerb von Bildern durch eine ununter- französische Sammler, ein guter Kamerad der Maler,
brochene Leidenschaft Form bekommen? Immerhin mit denen er lebte, denen er in den schlechten Zeiten
lässt sich dies unschwer verstehen. Der Franzose kauft Bilder abkaufte, oder mit denen er tauschte. Er war
Bilder, die unmittelbarer Ausdruck seiner Rassengewalt der Freund Millets, aber auch der Intimus des Degas.
sind, er steht in dem Prozess des Kunstschaffens. Ein Die beiden sassen jahrelang jeden Vormittag zusammen
Mann wie Rouart lebte mit den Malern und seine Passion und malten. Rouart tauschte die Arbeiten Degas', Ingres'
der Bildererforschung trieb ihn sogar, Maler zu werden.— und Delacroix' gegen seine ein. Ermöglicht werden
Wohl nicht, dass er geglaubt hätte, seine Bilder seien ihm solche Sammlungen durch die Intimität von Künstler
oder anderen notwendig, vielmehr um immer deutlicher und Amateur, die kaum einmal durch den Kritiker ge-
und genauer den Aufbau seiner geliebten Bilder stört wird. Diese Sammlung hätte in Deutschland in
zu erkunden und jede Kenntnis von Farbe, Pinsel- jeder Stadt ausgestellt werden müssen als intensiver
strich, Patina und Valeur zu erlangen. Die Sammel- Protest gegen Moden, als Mittel die französische Kunst
passion Rouarts war dermaassen innerlich, heftig und un- als Einheit aufzufassen, damit man aufhöre, sie jener
mittelbar, dass sie sich zur schöpferischen Thätigkeit beliebten Entwicklung gemäss zu verzeichnen oder in
steigerte. Wo in Deutschland besässen wir den schöpfe- merkwürdige Epochen zu zerscheiden. Entwickelt hat

sich noch nie eine Kunst
und die Epoche erweist sich
als mangelndes Sehver-
mögen, als Unfähigkeit,
Dinge kontrapunktisch zu
empfinden. Es giebt wenig
Nuancen französischer Ma-
lerei, die in dieser Sammlung
nicht dargestellt waren; die
Quellen dieser Kunst wer-
den fast vollständig ange-
deutet. So kommt es, dass
der eine meint, dies sei die
Daumier-Sammlung, andere
nehmen sie für Corot, Degas
oder Delacroix u. s. f. in An-
spruch; andere wieder mei-
nen, hier werden die end-
gültigen Impressionisten-
preise festgestellt. Alle diese
einseitigen Auffassungen
bestätigen nur die Vollstän-
digkeit der Rouartschen
Sammlung. Einige Zahlen
mögen, allerdings äusserlich,
die Gewichtigkeit des Be-

rischen Sammler, der den
Gesamteindruck maleri-

scher Epochen zu kompo-
nieren versteht. Rouart
sammelte nicht von den
Hemmnissen einer ideolo-
gischen Kunstanschauung
beengt und geschoben; er
war Outsider und unab-
hängig vom Kunstmarkt.
Nicht scharf genug kann
man in Deutschland be-
tonen, was den Sammler
vom Kunsthändler trennt.
Dieser wird Bedürfnisse zu
wecken und aufzupeitschen
suchen; die Ware wird ihm
als wertvoll erscheinen,
welche er gerade besitzt.
Fraglos wird dies kaum ein-
mal zum verbindlichen Kri-
terium thatsächlicher Werte.
Rouart sammelte unideo-
logisch, nach deutschen Be-
griffen also dumm. Seine
Bilder missbrauchte er

HONORE DAUMIER, DAS KONZERT
SAMMLUNG HENRI ROUART, PARIS

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