Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

Page: 289
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1913/0298
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
SIEBEN ORIGINALLITHOGRAPHIEN

VON

*■

MAX BECKMANN
ZU DOSTOJEWSKIJS „AUS EINEM TOTENHAUS"

DAS BAD

In der ganzen Stadt gab es nur zwei öffentliche Bäder. Das erste, das ein Jude
unterhielt, war in einzelne Baderäume eingeteilt und jede Nummer kostete fünfzig
Kopeken, - - war also nur für die besseren Stände bestimmt. Das andere dagegen war
nur für das einfache Volk, eine alte, schmutzige, enge „Badestube", — und dorthin
wurden auch die Arrestanten geführt.

Der Tag war kalt und sonnig, die Arrestanten freuten sich schon darüber, dass sie
einmal aus der Festung herauskommen und die Stadt sehen würden. Scherze und
Lachen hörten unterwegs nicht auf. Ein ganzer Zug Soldaten begleitete uns mit ge-
ladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, zum staunenden Entzücken der ganzen
Stadt. Beim Bade angelangt, wurden wir sogleich in zwei Abteilungen getrennt: die
zweite musste so lange im kalten Vorzimmer der Badestube warten, bis die erste sich
gewaschen hatte, anders war es infolge des engen Raumes nicht zu machen. Doch
dessen ungeachtet war die Stube noch viel zu klein, so dass man sich überhaupt nicht
vorstellen konnte, wie selbst die Hälfte von uns in ihr Platz finden sollte. Aber Petroff
verliess mich nicht: er half mir, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte, mich zu ent-
kleiden und erbot sich sogar, mich zu waschen. Zusammen mit Petroff erbot sich auch

Wir benutzen mit freundlicher Erlaubnis des Herausgebers und des Verlages die Übertragung von E. K. Rahsin aus
der bei Piper & Co. erschienenen Gesamtausgabe der Schriften Dostojewskijs.

285)
loading ...