Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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WASSERKESSEL. EISENGUSS (JAPAN UM 1700)

BES. : KGL. MUSEUM, BERLIN

ALTE OSTASIATISCHE KUNST

VON

CÜRT GLASER

Ostasien istdasKreuzderKulturhistoriker, diedie ge-
samte Geschichte der Menschheit so gern aus einem
Ei erklärten. Man sträubt sich dagegen, offen einzuge-
stehen, dass irgendwo in der Welt eine Kultur geschaffen
wurde, an der weder Jupiter noch Jesus Christus, weder
Phidias noch Rafael ihren Teil haben. Blind wütet der
Eifer der europäischen Missionare gegen alle Götter,
die nicht nach ihrem eigenen Bilde geschaffen wurden.
Sie begreifen nicht die Götzen mit den vielen Armen
und die schlitzäugigen Heiligengestalten. Und die Kuri-
ositätenkammer der Völkerkunde, in der alles ver-
graben wurde, was nicht dem altgeheiligten Mittelmeer-
kreise entstammt, nimmt geduldig armseligen Plunder
täglichen Gebrauches fremder Völkerschaften neben
Kunstwerken hohen Ranges, die der Zufall einem
ahnungslosen Reisenden in die Hand spielte, in ihren
grossen Schränken auf. Noch denkt niemand im Ernste
an ein Museum afrikanischer Kunst, aber die Zeit ist
nicht ganz fern, und es mehren sich die Zeichen, die
seine Verwirklichung vorausdeuten. Aber ein Museum
ostasiatischer Kunst löst sich heut schon aus dem Ethno-
logenwust wie einst das Kunstmuseum aus der fürst-
lichen Raritätenkammer.

Wieder einmal wird Ostasien entdeckt. Es ist nicht
das erste Mal. Das achtzehnte Jahrhundert hat seine
Entdeckung Chinas, und die Chinoiserien sind für das
Rokoko mehr als nur ein exotischer Reiz. Das neun-
zehnte Jahrhundert entdeckte Japan, das Japan der Uta-
maro und Hokusai, und wieder spiegelt sich sehr deut-

lich in der zeitgenössischen Produktion, was man damals
in dem Fremden suchte und fand. Man kann weiter
zurückgehen, braucht nur an Delft und Meissen zu er-
innern und an die Seidenstoffe des Mittelalters. Heut
aber erst fängt man an, die Kultur des Ostens in ihrem
Zusammenhang zu sehen, anstatt losgelöste Fetzen sich
anzueignen, und man staunt, wiederum ein neues Ost-
asien zu entdecken.

So muss man umlernen, so schweres fällt. Man kam
sich so gelehrt vor, wenn man den Namen Hokusai
mit richtiger Betonung aussprach und die Erinnerung an
hundert Ansichten des Fuji und drollige Typen der
Mangwa mit ihm verband. Jetzt muss man sich sagen
lassen, diese Farbendrucke seien in Japan nicht höher
geachtet als etwa Neuruppiner Bilderbogen bei uns.
Das ist nun sicher übertrieben, und die es sagen, ver-
folgen den erzieherischen Zweck, die Aufmerksamkeit
des Publikums auf die ernsteren Kunstwerke zu lenken.
Aber richtig wäre es, vergliche man den japanischen
Farbendruck etwa dem französischen oder englischen
Farbenstich als Sondergebiet der malerischen Kunst
Europas überhaupt. Mehr bedeutet er in der That nicht,
aber auch nicht weniger, und die ihn lieben, sollen sich
dessen nicht schämen, aber den Versuch wagen, auf
dieser Brücke weiter vorzudringen in das Reich ost-
asiatischer Kunst.

Die Ausstellung, der die Königliche Akademie zu
Berlin jetzt ihre Räume geliehen hat, und deren Veran-
staltung im wesentlichen in den Händen des Leiters der

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