Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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WIE DER JAPANER ZEICHNEN LERNT

MITGETEILT VON

PAUL HENNIG

Die japanische Kunst, der wir Europäer ungemein
nützliche Anregungen verdanken, ist heute den
meisten Fachleuten in ihrer Technik noch so gut wie
unbekannt. Durch das „Art Journal" erfuhren wir nun
vor kurzem von Sir F. T. Piggot, der jahrelang in Japan
lebte, mancherlei Einzelheiten aus den japanischen
Künstlerwerkstätten und Mitteilungen über die eigen-
artige Lehrmethode, mit der die japanischen Zeichen-
lehrer ihre Schüler zu den viel bewunderten Geschick-
lichkeiten anleiten.

Wir haben immer gestaunt, wie der japanische
Künstler imstande ist, schnelle Bewegungen festzuhalten
und ihn um seinen eminenten Gesichtssinn beneidet.
Die anscheinend spielende Sicherheit, zum Beispiel wie
er den Vogel im Fluge darstellt, schien uns immer auf
eine impressionistische Schaffensweise schliessen zu
lassen, wie auch auf ein bewundernswertes Gedächtnis
im Festhalten des Gesehenen. Nunmehr erfahren
wir, dass die überraschende scheinbare Unmittelbarkeit,
das wie im Flug erhaschte Leben dieser Darstellungen
durch eine mühsam erworbene Kunstfertigkeit in Wie-
dergabe der Einzelheiten erreicht ist. Es liegt ihr eine
Lehrmethode zugrunde, die für europäische Begriffe
auf den ersten Blick sogar etwas Pedantisches und Sche-
matisches haben mag. Diese Kunstlehrmethode erinnert
eigentlich stark an die Art, in der unsere Kinder das
Schreiben erlernen, indem sie in ihren Heften viele Seiten
mit Übungen der Grund- und Haarstriche anfüllen, um
die ungelenke kleine Hand nach und nach zur Bildung
von Buchstaben geschickt zu machen.

Eng aneinandergepresst kauern in Japan Lehrer und
Schüler beisammen, in einer so unbequemen Stellung,
dass man sich wundern muss, wie sie dabei zeichnen
können. Der Lehrer benutzt weder Vorlagen noch Mo-
delle, sondern trägt alles im Kopfe. Das erste, was ge-
lehrt wird, ist die Darstellung eines fliegenden Sperlings.
Der Schüler beginnt mit Übungen in der Handhabung
des grossen Pinsels, der am unteren Ende haarscharf zu-
gespitzt ist. Zahlreiche Papierblätter werden angefüllt,
nicht etwa mit dem Umriss des Vogels, nein, seine
einzelnen Teile werden unzählige Male geübt: zuerst
der offene Schnabel mit einer feinen Linie in der Mitte,
welche die Zunge darstellt, dann wird ebenso oft das
Auge gezeichnet, dann das Augenlid. Erst nachdem
diese Einzelheiten unzählige Male wiederholt sind, dür-
fen zum Beispiel Schnabel und Auge zusammen geübt

werden. Der Pinsel wird dabei mit Wasser getränkt und
die schwarze chinesische Tusche nur mit der feuchten
Spitze von der Palette genommen. Der leichteste Druck
schon macht den Pinsel sich krümmen und das Wich-
tigste der Anleitung ist, neben der Übung und der da-
durch erreichten Gewandtheit die Haltung des Pinsels.

Den Kopf und den Körper des Vogels zu zeichnen,
bedient man sich anderer Pinsel, die etwas dünner und
in der Spitze weniger biegsam sind. Die Umrisslinien
sind bereits fein angegeben, nun folgen breitere Striche
zur Wiedergabe der Federn.

Das Geheimnis des Japaners ist die Pinselhaltung,
wobei ein gtosser Teil des Armes und der Hand steif
gehalten wird. Mit leichten Muskelzusammenziehungen
bewegen sich dann die zusammengepressten Finger in
fast rhythmischer Gleichmässigkeit hin und her. Die
Studien an Flügeln werden mit grosser Schnelligkeit
ausgeführt und gerade diese Behendigkeit, die erst nach
langer mühevoller Übung erreicht wird, ist das Haupt-
element des Gelingens. Daher ist es auch kaum mög-
lich für uns, japanische Zeichnungen zu „kopieren", sie
können nur in der gleichen Arbeitsweise geschaffen
werden und sind das Ergebnis dieser eigenartigen japa-
nischen Zeichenmethode. Soweit der englische Bericht
im Auszuge.

Zu Pinseln verwendet man Haare von Pferden, Hir-
schen, Hasen, Kaninchen, Mardern und anderen Tieren,
Pinsel, die in runden Haltern von Bambusrohr gefasst
sind. Die verschiedenen Malerschulen verwenden ihre
besonderen Pinsel. Der Satz der Tosarin besteht nach
Dr. Justus Brinckmann aus vierzehn rund gefassten Pin-
seln, deren grösste nicht viel über Zollange und Blei-
stiftdicke haben. Auffallend sind kleinere, das Wesen
der Schule schon verkündende, feine und ganz spitze
Pinsel, alle aus starkem elastischen Haar, deren kleinster
schwarzhaarig und so fein ist, dass man mit ihm Striche
ziehen kann, die mit blossem Auge nicht sichtbar sind.
Die dreiundzwanzig Pinsel des Satzes Kano-riu sind von
grösserer Fülle des Haares, die spitzen Pinsel weniger
fein und von geringerer Zahl, dagegen fallen die in Holz
gefassten breiten, flachen Pinsel, fünf von verschiedener
Grösse, als die Werkzeuge auf, mit deren Hilfe die
Kano-Maler jene erstaunlichen Schwarz-Weiss-Bravour-
stückeauf das Papier werfen. Man verwendet ausschliess-
lich Wasserfarben, mit einer Lösung von Hausenblase
angerieben.



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