Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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IUNSTAUSSTELLUNGEN

die
die

MÜNCHEN
Das einzige Interesse, welches die
grosse Kunstausstellung im Glaspalastzu
bieten vermag, liegt in der Nachlass-
ausstellung von Löfftz. Wir erkennen,
wie hier ein nach der landschaftlichen Seite ähnlich wie
Lier begabtes Talent durch die Atelierrezepte der Piloty-
schule zu dekorativen Versuchen verschiedenster Art, die
in ihrer SkalazwischenDefregger und Klinger schwanken,
getrieben wurde, ohne eine sichere Richtung einzu-
halten. Für sich stehen einige mit vielem Fleiss be-
handelte Interieurs, deren malerische Delikatesse ihre
einstige Erwerbung für die Pinakothek nachträglich
durchaus rechtfertigt. Wie die Pilotyschüler alle im
gleichen Lampenlicht fortmalten, zeigen die Nachlasse
von Otto Seitz, Frank Kirchbach, August Holmberg.
Es ist die Publikumskunst jenes Renaissancemalens, das
in Makart und Piloty vor dreissig Jahren die Meister
sah. Nur ausnahmsweise ist Holmberg (etwa bei seiner
Landschaft bei Firssen) der Wahrheit näher gekommen
als der Erzählung. Aber alle diese Bilder muten sym-
bolisch an wie Holmbergs Hauptwerk, ein jugendlicher
Kardinal, der nachdenklich aus dem geöffneten Fenster
in die Freiheit sieht, die ihm nicht gehört. Mehr kann
man darüber nicht sagen. Die übrige grosse Ausstellung
steht, was München betrifft, immer noch brav im Sinn

der Fortführung der Tradition. Vielleicht ist es in
diesem Jahr noch schlechter, weil 1913 wieder die
„Internationale" stattfinden soll. Zeichen dafür ist, dass
man beim Durchwandern der Säle die Weimarer wie
eine Erlösung empfindet, dass Bildnisse von Thor oder
Geffcken, Landschaften von Petuel sich aus dem Ganzen
unverhältnismässig herausheben.

Auch die Sezession steht hinter den früheren Jahren
zurück. Besonders nach der Kenntnis der mindestens
zu drei Vierteln bedeutenden Berliner Sezession und
der etwas preziösen und überschätzten Sonderbund-
ausstellung in Köln endet der Vergleich für München
mit einer fast an Fiasko grenzenden Unterbilanz. Bei
aller Talentprobe ein Mangel an künstlerischem Selbst-
bewusstsein, der vergeblich nach den Gründen dafür
suchen heisst. Fünfundzwanzig Jahre Münchner Aus-
stellungen sehen, bedeutet nur Warten, Hoffen, Wün-
schen — kein Erleben! Steckt nicht doch in dem Par-
tikularismus, unter dem Düsseldorf zusammenbrach,
und der eben in München herrscht, ein Fehlen der
allein auf das künstlerische gehenden Berufsbestimmung?
Wir Münchner können und dürfen die Überlegenheit
der jungen Berliner nicht mehr leugnen, werden es
nicht verhindern, dass man Künstlern, die auf sich
halten, den Weg der Corinth und Slevogt empfiehlt.
Wenn wir in dieser Ausstellung die Schablone der Stuck

ED. MANET, PFIRSICH-STILLEBEN
AUSGESTELLT IM FRANKFURTER KUNSTVEREIN

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