Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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EDVARD MUNCH, BADENDE MÄDCHEM. RADIERUNG. 1895

EDVARD MUNCH ALS GRAPHIKER

VON

CURT GLASER

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E. MUNCH, AKTSTUDIE.
LITHOGRAPHIE. I9IO

Die Möglichkeit des
ästhetischen Urteils
bleibt die Grundfrage jeder
kritischenKunstbetrachtung,
und die Frage ist so wenig
allgemein geklärt, dass jeder
besondere Fall zu erneutem
Zurückgehen auf dieses Fun-
dament einer ästhetischen
Wertsetzung nötigt. Geht
man die kunsthistorische
Literatur daraufhin durch,
was sie zum Ruhme ge-
feierter Werke beizubringen
hat, so stösst man auf eine
erschreckende Armut. Es
wird analysiert, und liest
man die Analysen, ohne die
positive und negative Fär-
bung zu beachten, die ihr
Autor ihnen gegeben hat,
so findet man selten ein
Wort, das einer Wert-
setzung gleichkommt. Was

das eine Mal gut ist, kann das andere Mal schlecht
sein. Wer sich den greifbaren Regeln anzuvertrauen
suchte, die gewissenhafte Ästhetiker aus einer Reihe
von Kunstwerken abstrahierten, wird hilflos bleiben,
sobald er an ein Kunstwerk gerät, das aus einer
anderen Klasse stammt. Verlangen die einen, dass
ein Ding richtig gegeben sei, seinem Naturvorbilde
entsprechend, so wollen die anderen, dass es zu
allererst gefühlt sei, sie geben zu, dass ein Glied
falsch gezeichnet sein dürfe, wenn es nur recht
empfunden sei.

Es gab eine Zeit, in der man optimistischer
dachte, als wir es heut können. Als die italienischen
Gelehrten des fünfzehnten Jahrhunderts die Gesetze
der Perspektive ergründeten, als Dürer sein „Lehr-
buch der Messung" schrieb, glaubte man an eine
wissenschaftliche Grundlegung des künstlerischen
Schaffens, aber der Weg, der zu einer klassischen
Kunst führte, war zugleich der Weg zu der ver-
derblichen Begriffsverwirrung, die noch heut einem
grossen Teile des allzu gebildeten Publikums das
Eindringen in den Sinn einer künstlerischen Schöpf-
ung versperrt.

Das Reich der Kunst ist nicht monarchisch

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