Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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DIE GÖTTIN KUAN-YIN MIT DEM FISCHKORB. FARBENLACK MIT PERLMUTTEREINLAGE.

CHINA 15. JAHRHUNDERT. BESITZER: KGL. MUSEUM, BERLIN

AUSGESTELLT IN DER AKADEMIE DER KÜNSTE IN BERLIN. MIT GENEHMIGUNG DES VERLAGS J. BARD, BERLIN

HENRI ROUSSEAU

VON

R. KIESER

Eine Ausstellung von Werken Henri Rousseaus, mit
welcher Beniheim-Jeune sehr erfolgreich ihre Veran-
staltungen wieder begannen, ist der Fürsorge des in
Paris lebenden deutschen Schriftstellers und Sammlers
Wilhelm Uhde zu verdanken, der eine schöne Samm-
lung Rousseauscher Bilder sein Eigen nennt und dem
Malerund Menschen einen klugen, bekenntnisfreudigen
Essay gewidmet hat.*

Uhde verweist in seinem Buch mit Recht auf die
Thatsache, dass Maler es waren, die Rousseau ans Licht
zogen, kompetente Fachleute, Bewunderer von Manet
und Cezanne, die ihn nur malerischer Qualitäten wegen
lobten und seine Persönlichkeit, so anziehend sie ge-
wesen sein mochte, bei diesem Urreil ausser Betracht
wissen wollten. Anderseits eignet Rousseaus Arbeiten
im allgemeinen jene verblüffende Sicherheit der im
tiefern Sinn kompositionellen Wirkung, wie den Kinder-
zeichnungen und der Volkskunst. Die Eigenschaften,
in denen sich Rousseaus starke und unverfälschte Künst-
lerpersönlichkeit ausspricht, negativ bezeichnet: die
Vereinigung alles dessen, was seine Kunst durch eine
tiefe Kluft vom Akademischen trennt, können genügen,
einen Freund moderner Kunst Rousseaus Wesen ver-
stehn zu lassen. Man hat sich gewöhnt auf Äusserungen
der Kunst, unter welcher Form sie sich auch zeigen, zu

Uhde. Henri Rousseau. Paris. Eugene Figuiere et Cie.

1911.

achten und auch für die Eigenart des Dilettanten, haben
wir williges Gehör, weil wir gleich den damit verbun-
denen Vorzug erkennen, vor diesen unbewussten Schwie-
rigkeiten nicht zurückzuschrecken, die Möglichkeit, sie
geschickt und eigenartig überwunden zu sehen. Dilettan-
tismus ist heute darum nicht höher geachtet; gegenüber
der zünftigen Beschränktheit aber konstatieren wir eine
weitherzigere Auffassung. Die kunsttheoretischen An-
schauungen haben gewaltig an Weite des Horizontes ge-
wonnen und infolge davon sind moderne junge Maler in
der Regel der Kunst gegenüber — trotz dem Anschein
des Gegenteils — viel bescheidener, als man es wohl
je zuvor war. Sie sind desto feinhöriger geworden.

Publikum und Kritik dagegen sahen Rousseau, wenn
er bei den Independants ausstellte, als den ulkigen
Hauptvertreter jener Dilettanten an, die dort amüsieren
und denen man mitnachsichtigem Wohlwollen begegnet;
Rousseau — welch „originelles" Talent! Man bevor-
zugte einen abgekürzten Weg um zu relativer Aner-
kennung Rousseauscher Arbeit zu gelangen : was man
bei einem Matisse, bei einem Cezanne als erkünstelte
Reaktion empfand, das schien hier echt; hier wollte man
nun einmal die der Not gehorchende Äusserung eines
wirklichen Naiven vor sich haben.

Diese Bezeichnung wollen seine Verehrer nicht gelten
lassen; wir glauben mit vollem Recht. Es ist der gleiche
Standpunkt, den man sich alten Meistern gegenüber

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