Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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EDOUARD MANET, AKT

ERINNERUNGEN AN EDOUARD MANET

in

von ANTONIN PROUST

achdem Manet den „Absynthtrinker" be-
endet hatte, gab er sein Atelier in der Rue
Lavoisier auf und Hess sich in der Rue
de la Victoire Nr. 3 8 nieder. Der Graf
Balleroy hatte sich nach dem Calvado
t-Szurückgezogen, das er dann auch später
in der National-Versammlung von 1871
vertrat.

Manet hatte in der Rue Lavoisier ein
grosses Bild angefangen, „die Auffindung Moses am
Fluss," das er jedoch nicht beendet hat, und von
dem nur eine Figur erhalten ist, die er aus der Lein-
wand schnitt und die er „die überraschte Nymphe"
nannte. In der Rue de la Victoire malte er nach
einem Jungen, der ihm die Pinsel wusch und die
Palette reinigte, „den Knaben mit den Kirschen".
Derarme Junge, der schon immer sehr melancholisch
war, machte seinem Leben durch Erhängen ein
Ende. Manet war durch das tragische Ende dieses
jungen Wesens, das er herzlich liebte, so betrübt,

Fortsetzung
dass seine Freunde, und vor allen Paul Roudier,
alles thaten um ihn zu trösten. Roudier war stets
um ihn und begleitete ihn selbst zu den Donnerstag-
Abenden bei seinen Eltern und zu den Freitagen
des Cafe Guerbois.

Bei all diesen Zusammenkünften wurden aus-
schliesslich Kunstfragen erörtert. Eine sehr merk-
würdige Wandlung hatte sich in den Gesinnungen
des Vaters Manet vollzogen: er, der am meisten
den Sohn getadelt hatte, wenn er sich über seinen
Lehrer Couture beklagte, hielt nun die erbittertsten
Reden gegen den Maler „der Römer, der Verfalls-
zeit". Manet zeigte sich desto ruhiger, je heftiger
sein Vater wurde.

An den Freitagen des Cafe Guerbois hielt Du-
rauty wütende Philippiken, in denen er Couture
als den niedrigsten Bildermacher hinstellte. Manet
behielt, inmitten dieses Kampfestosens, in dem
übrigens an keinem Literaten und Künstler ein
gutes Haar gelassen wurde, die Ruhe des olym-

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