Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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pischen Zeus, denn all seine Gedanken waren in
diesem Augenblick in Spanien. Er wollte Spanien
sehen und die spanischen Maler wiedersehen.

Im Louvre befand sich nämlich vor der Revolu-
tion von i 8.i8 eine spanische Galerie, die aber dann
vom Besitzer, der Familie Orleans, zurückgezogen
wurde. Manet hatte als Kind diese Galerie oft be-
sucht und beklagte später sehr ihr Verschwinden.
Denn so sehr auch die Rubens in Antwerpen,
die Rembrandts in Amsterdam, die Primitiven in
Brüssel, die Hals in Haarlem, die Albrecht Dürer
in Dresden, die Holbein in Basel Eindruck auf
ihn gemacht hatten, so zwang ihn doch sein
ganzes Wesen nach Spanien. Er war in Italien
gewesen und hatte sich dort zu Tizian und Tinto-
retto hingezogen gefühlt, weniger zu Raffael und
Michel Angelo, aber immer erfüllte ihn der eine
brennende Wunsch, die spanischen Maler wieder-
zusehen und Spanien kennen zu lernen.

Der „Stierkampf" von Alfred Dehodencq, der
im Salon von 1851 ausgestellt und dann ins
Luxembourg gebracht wurde, steigerte seine Sehn-
sucht aufs höchste. Er ging nach Spanien, wo er
Theodore Duret kennen lernte.

Eines Tages, als wir in sein Atelier in der Rue
Guyot gingen — denn er war nach der Reise von
der Rue de la Victoire dorthin verzogen — rief
er: „Herrgott, sind das Kerls, Velasquez, il Greco,
Valdes-Leal, der ältere Herrera. Von Murillo spreche
ich nicht, den kann ich nicht leiden. Zurbaran,
nein! Aber Ribera und Goya, Goya, von dem
Reynolds gesagt hat: ,Er ist ein spanischer Maler,
aber aus der Schule von Gibraltar.' Dieser Engländer
soll mal erst in seiner seifigen Schule nach Kerls
von dem Kaliber suchen!

Und diese Strassen! Dieses Volk! Dehodencq
hat es gesehen, und hat es richtig gesehen! Ehe er
dorthin ging, war er blind. Es giebt Leute, die
nicht an Wunder glauben. Na, seit Dehodencq
glaube ich für mein Teil daran."

Wir gingen an diesem Tage in der Gegend
spazieren, die heute der Boulevard Malesherbes
heisst; damals führte unser Weg mitten durch
Schutthaufen von abgerissenen Häusern, zwischen
denen sich die klaffenden Öffnungen des schon
nivellierten Terrains aufthaten. Vom Quartier Mon-
ceau existierte noch nichts. Alle paar Schritte blieb
Manet stehen. An einer Stelle sahen wir eine Zeder
einsam inmitten eines zerstörten Gartens. Der
Baum schien mit seinen langen Zweigen die einstige,
ihn umgebende Blumenpracht zu suchen. „Sieh nur

seine Rinde,1'- sagte er zu mir, „und die violetten
Töne der Schatten!"

Etwas weiter rissen Arbeiter ein Haus ein, sie
hoben sich weiss von der weniger weissen Mauer
ab, die unter ihren Hieben zusammenfiel und sie in
eine dichte Staubwolke einhüllte. Manet blieb
lange in wortloser Bewunderung vor diesem Schau-
spiel.

Am Eingang der Rue Guyot trat eine Frau aus
einem anrüchigen Lokal, mit der einen Hand
schürzte sie das Kleid, in der anderen trug sie eine
Guitarre. Er ging schnell auf sie zu mit der Frage,
ob sie ihm sitzen wolle. Sie lachte ihm ins Ge-
sicht. „Ich werde sie schon zu fassen kriegen,"
rief Manet, „und schliesslich, wenn sie nicht will, so
bleibt mir Victorine." Victorine war sein Lieblings-
model]. Wir stiegen zu seinem Atelier hinauf. Auf
zwei Staffeleien standen der Guitarero und das Por-
trät seiner Eltern.

„Ich glaube, das ist was geworden, nicht? Als
ich diese Figur malte, da dachte ich an die Meister
von Madrid und auch an Hals. Weisst du, ich
lasse es mir nicht ausreden, dass Franz Hals spa-
nisches Blut in den Adern hatte, was übrigens nicht
so merkwürdig wäre, denn er ist in Mecheln
geboren. Gestern besuchte michRenaud de Vilboc.
Er hat auf dem Bild nur Eines gesehen: nämlich,
dass mein Guitarero mit der linken Hand auf einer
Guitarre spielt, die darauf eingerichtet ist, mit der
rechten gespielt zu werden. Was sagst du dazu?
Und denke dir, dass ich den Kopf auf den ersten
Hieb hingemalt habe. Nach zwei Stunden Arbeit
habe ichs mir in meinem kleinen schwarzen Spiegel
angesehen, es hielt sich, ich habe nicht mehr
einen Pinselstrich daran gemacht. Und meinen Vater
und meine Mutter habe ich ganz einfach so hin-
gesetzt, wie du sie da siehst."

Die ganze Persönlichkeit Manets strahlte aus
diesen beiden Bildern in vollen Glänze. Viel-
leicht hat er, wie er sagte, dabei an die spanischen
Meister und an Franz Hals gedacht. Aber er ist er
selbst geblieben, ausschliesslich er selbst, und
meiner Meinung nach, ist in keinem Museum
ein besser gemaltes Bild zu finden, von tadelloserer
Zeichnung und grösserer Farbenharmonie wie der
Guitarero. Und auch das Porträt seiner Eltern ist
ein Kunstwerk ersten Ranges.

Der Guitarero trug Manet auf dem Salon
von 1861 eine ehrenvolle Erwähnung ein. Trotz-
dem man das Bild in einer ganz unmöglichen Höhe
aufgehängt hatte, machte es, so hoch es hing, in

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