Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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1ÜKTIONSNACHRICHTEN

BERLIN
Im Mai wird bei Amsler und
Ruthardt die Sammlung des ver-
unglückten Dr. Weber aus Ham-
burg versteigert. Die Sammlung
enthält viele Radierungen von A. Zorn, das vollständige
graphische Werk von Liebermann mit frühen Probe-
drucken, Radierungen von Kalckreuth, Israels und Ar-
beiten von Goya, Corot, Menzel, Manet, Whistler

usw.

«

Am 29. Januar wird bei R. Lepke die alte persische
und türkische Kunst enthaltende Sammlung Dr. von
Schmidthals versteigert. Die Ausstellung rindet vom
16.-29. Januar statt. Es ist die erste Versteigerung
guter mohammedanischer Kunst in Berlin. Die Samm-

lung enthält vor allem Keramik, sodann Teppiche, Stoffe,
Metallarbeiten und eine Reihe von Miniaturen und
Handschriften.

LEIPZIG
Die Auktion der Sammlung A. Flinsch brachte unter
anderem folgende bemerkenswerte Preise: Nürnberger
Meister um 1480: Federzeichnung, 3200 M.; J. Ruisdael:
Landschaft, Kreidezeichnung, 2350M.; Ludwig Richter:
Aquarelle, 1080M., 1020M., njoM., 2000M., 5700M.,
2050 M. usw.; M. von Schwind: Zeichnungen, 1650 M.,
1450 M. usw.; Chodowiecki: Zeichnungen, 105:0 M.,
380 M. usw.; Cornelius: Bleistiftzeichnung, 1850 M.;
A. Feuerbach: Zeichnungen, 4100M., 7600M., 4200M.,
4600 M. usw.; E. von Steinte: Aquarelle, 1100 M.,
1 200 M. usw.

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Van Goghs Briefe an Emile Bernard. Heraus-
gegeben von Ambroise Vollard, nie Laffitte. Paris 1911.
Mit 100 Abbildungen nach Gemälden und Zeichnungen.
Preis 25 Frs.

Die Briefe van Goghs gewähren uns einen Einblick
in seine Kunstanschauungen. Sie lehren uns die Empfin-
dungen kennen, die ihn bei der Wahl seiner Vorwürfe
lenkten und die Freuden die ihm aus der Berührung
mit der Natur erwuchsen. Sie sind mit einer Unmittel-
barkeit, einem Sichgehenlassen und zugleich mit einer
Kraft geschrieben, dass man bei ihrer Lektüre stets den
Menschen vor sich sieht.

Van Gogh bietet uns das Beispiel eines Künstlers,
der, nachdem er sich in einem bestimmten Milieu ge-
bildet und auch schon eine Eigenart erlangt hat, in einem
anderen zur Entfaltung kommt und eine neue und end-
gültige Physiognomie erwirbt. Wir sehen in ihm einen
Holländer, der zum französischen Impressionismus über-
ging, einen Holländer den die französische Schule eroberte
und der, indem er dem Einfluss des fremden Milieus
unterliegt, doch die Charakterzüge seiner eigenen Nation
nicht verliert.

In seiner Heimat widmete er sich zuerst der Ausübung
seiner Kunst. Er drang tief in ihre grossen Meister ein
und Rembrandt war es, den er vor allem studierte.
Und ohne den Versuch zu machen, die Kluft welche die
Zeit zwischen sie und ihn gelegt, auszufüllen, folglich
ohne ihr technisches Verfahren sich anzueignen, konnte
er doch nicht umhin nach ihrem Vorbild die Festigkeit

und Macht der Wiedergabe in sich zu entwickeln, jene
Rassemerkmale, die allen Holländern aller Zeiten ge-
meinsam sind.

Auf diese Grundlage pfropfte er nun, als er 1886
nach Frankreich kam, die blendende Farbe und das starke
Licht, das die französischen Künstler zu entwickeln ver-
standen hatten, um das zu erreichen, was man Impres-
sionismus nennt. Er führte so den Nachweis für den
Wert jener unter dem Namen Impressionismus erschie-
nenen Kunstform, die es Künstlern von verschiedenartiger
Herkunft ermöglicht, sich auf Grund gemeinsamer
Prinzipien einander anzuschliessen und doch ihre Eigen-
art ungeschmälert zu bewahren.

Dieses glückliche Resultat erklärt sich dadurch, dass
derlmpressionismus vor allem dieRückkehrzumdirekten
Naturstudium proklamierte, die Künstler aufforderte
ehrlich zu malen und ihre Augen dem Licht des Himmels
zu öffnen, und sich bemühte wahrheitsgetreu die ent-
schiedenen und mannigfaltigen Töne wiederzugeben,
welche die Dinge darbieten.

Mit van Gogh indessen war es etwas anderes und
zwar etwas sehr seltsames.

Er bekam Halluzinationen. Er wurde vom Wahnsinn
ergriffen. Er endete durch Selbstmord. Er hat also zahl-
reiche Werke unter dem Zwange der Halluzination ge-
malt, aber die Halluzinationen schwächten bei ihm nicht
im geringsten die künstlerischen Werte ab. Man kann
sogar im Gegenteil sagen, dass sie den Ausdruck seiner
Persönlichkeit steigerte und bis zur äussersten Grenze

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