Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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D AVID

IM PETIT PALAIS

VON

GUSTAV PAULI

Paris ist gegenwärtig um eine Attraktion reicher.
Die Ausstellung, die in einigen Sälen des Petit
Palais zu Ehren Davids und der Seinen bereitet ist,
- was sage ich, ein einziges Bild dieser Ausstel-
lung - - verlohnt eine Reise. Man wird staunen!
Denn David ist, wie man hier erkennt, ausserhalb
Frankreichs wenig bekannt oder, schlimmer noch,
falsch bekannt, da sein Ruhm sich vorzugsweise an
jene grossen Staatsaktionen aus alter und neuer Zeit
heftet, an den Leonidas, die Horatier, die Krönung
Napoleons, die so anspruchsvoll, so korrekt und so
langweilig zubereitet sind wie Staatsdiners für fünf-
hundert Gedecke. Hier sind wir zu intimeren Ge-
nüssen geladen.

Es entfaltet sich hier der vielseitige Reichtum
einer Persönlichkeit von universaler Bedeutung. In
seinem beinahe achtzigjährigen Leben (1748—18 2 5)
hat David die gefährlichste aller Übergangszeiten,vom
achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, glänzend
überwunden, hat Rokoko, Rom und modern euro-
päische Ernüchterung erlebt und gestaltet; er hat
eine Schule gebildet, der einige der grössten Na-

men der französischen Malerei angehören, kurz, er
darf mit anderem Rechte und mit ungetrübteren Ge-
fühlen der Dankbarkeit in Frankreich der Vater
der modernen Malerei genannt werden als bei uns
in Deutschland der Gesinnungsheros Carstens.

Mit siebzig Gemälden und einigen zwanzig
Zeichnungen bestreitet David, wie billig, auch quan-
titativ den Löwenanteil des Unternehmens. Unter
seinem Gefolge ist der Grösste, Ingres, etwas spär-
lich vertreten, wohl mit Rücksicht auf zwei Kol-
lektivausstellungen, die Paris im letzten Jahrzehnt
von ihm gesehen hatte. Von Gros, Gerard und
Navez findet man einiges sehr Wertvolle und von
den kleineren Trabanten manches Interessante und
manches Entbehrliche, das die Gründlichkeit pietät-
voller Liebe mitzunehmen sich verpflichtet fühlte.

Leider ist das Arrangement der Ausstellung,
wie gewöhnlich in Paris, nicht gut. Die kost-
barsten Bilder Davids hängen in den ersten Räumen
hohen Fenstern gegenüber in der notorisch un-
günstigsten Beleuchtung, während seine Schüler in
den letzten Sälen sich einer nicht immer gerecht-

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