Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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UNSTAUSSTELLUNGEN

BERLIN
Einen besonderen Hinweis ver-
i dienen einige Bilder des talentvollen
(Arthur Degner, die bei Paul Cassirer
ausgestellt waren. Degner bewies
mit diesen Arbeiten, dass er eines der selbständigsten
jüngeren Talente ist, und dass seine natürliche Origi-
nalität der so oft gekünstelten Originalität der halb
Kunstgewerblichen weit überlegen ist. Es wird sicher
eine Gelegenheit kommen, von der werdenden Kunst
Degners einmal ausführlicher zu sprechen.

Bei Fritz Gurlitt bewies Matisse mit einer Reihe
feierlich aufgehängter Dekorationen, dass er sich immer
bewusster dem Kunstgewerblichen zuwendet. Seine
Figuren, die etwa wie modernisierte persische Minia-
turen erscheinen und die bereits reine, subtil kolorierte
Flächenornamente sind, erinnern in einigen Zügen so-
gar an die outriert talentvollen Figurinen Poirets. Ein
grosser Aufwand von Theorie und Arbeit wird von Ma-
tisse und seinen Genossen verthan; das Resultat ist ein
„Erhabenes", das sich mit dem Lächerlichen peinlich be-
rührt.

«■
Zur Jubiläumsfeier des Kaisers ist der vielbesprochene
Märchenbrunnen Ludwig HofFmanns im Friedrichshain
enthüllt worden. Man lernt nun das Werk kennen, wo-
für die Stadt ihre Kunstgelder jahrelang aufgespart hat
— und ist sehr enttäuscht. Es wäre besser gewesen,
mit dem Geld ein städtisches Museum zu begründen,

gute Bilder anzukaufen oder wenigstens die Berliner-
in &

Bürgermeister von guten Künstlern malen und model-
lieren zu lassen. Dieser Märchenbrunnen ist schliesslich
nur ein Werk mehr vom Geiste der Siegesallee; ein Pen-
dant zum „Rosengarten". Eine Renaissanceanlage mit
einer beherrschenden Architekturkulisse, Wasserwerken,
geschorenen Hecken und kunstgewerblich geratenem
Figurenschmuck — eine Renaissanceanlage halb königlich
und halb für das Volk des Berliner Ostens, fürstlich und
„kindlich" zugleich. Repräsentative Kinderkunst! diese
unmögliche Spezies, diesen künstlerischen Wechselbalg
konnte nur die bürgerliche Phantasie unserer Zeit her-
vorbringen. Daneben ist das Skulpturale auch in diesem
Fall wieder Münchener Ateliertalenten übertragen
worden. Der Magistrat, dessen Kunstbürgermeister
Herr Reicke ist, und Ludwig HofFmann wissen es
immer noch nicht, dass wir in Berlin zurzeit die besten
deutschen Bildhauer haben. Wer könnte Märchen-
mystik origineller gestalten als Barlach, wer das Tier
besser darstellen als Gaul, wessen Figuren sind mehr
architektonisch gedacht als die von Haller und Engel-
mann! Was HofFmann mit seinen Münchener Eklekti-
zisten gemacht hat ist nur eine Atrappe. Der Politik
gegenüber, die für eine solche Überflüssigkeit so-

viel Geld ausgiebt, könnte man sehr harte Worte ge-
brauchen.

Noch härtere wären angebracht der Art gegenüber,
wie diesesmal die Strassen Berlins zur Feier des Kaiser-
jubiläums geschmückt worden sind. Aber wozu immer
wieder Worte, die doch nicht wirken! Die Hundert-
tausende finden den Trubel dieses Festjahres ja wunder-
schön. Der kultivierte Mensch darf erst wieder zu
hoffen beginnen, wenn sich in Berlin, in Deutschland
der Katzenjammer einstellt. Möge er bald kommen!

K. Seh.

BADEN-BADEN

Die diesjährige, fünfte „Deutsche Kunstausstellung"
soll nach ihrem Programme in gedrängter Fülle einen
klar bezeichneten Querschnitt der badischen Kunst ab-
geben; darum sollen sich dann die auf Einladungen hin
aus den übrigen deutschen Kunststätten eingegangenen
Werke gruppieren.

Trübner, Schönleber, Dill, Hellwag oder Ritter,
Fehr und Conz sind als bekannte Karlsruher Meister
in ihrer Art zu geläufig, als dass man auf ihre Bilder
näher einzugehen brauchte; höchstens könnte man
anführen, dass der eine oder andre unter ihnen auf
anderen Ausstellungen schon durch qualitätvollere,
Werke vertreten war. Würdig, aber auch keineswegs
in neuem Gewände repräsentiert sich die ehemalige
Trübnerschule, zumal durch die trefflichen Land-
schafter Goebel und Graeber. Um Haueisen, der
trotz seiner eigenartigen künstlerischen Wandlungs-
fähigkeit eine Persönlichkeit und eine malerische Be-
gabung ist, gruppieren sich voranstrebende jüngere
Elemente. Als Südwestdeutsche haben die benachbarten
Elsässer in Baden-Baden Hausrecht. Die markanteste
Persönlichkeit unter den Stuttgartern ist Hölzel; von
seinen Landsleuten haben noch Faure, Haug, Grethe,
Landenberger und Weise die Ausstellung beschickt.
Mit verhältnismässig nur wenig Nennenswertem ist
München vertreten durch Habermann, Zügel, Putz,
Gröber, Hayeck, Kaiser, Stadler. Die alljährlichen Gäste
aus dem Norden haben sich auch dieses Jahr wieder
eingefunden: Liebermann, Kalimorgen, Orlik, Kampf,
Corinth, Beckmann, Meid, Engel und Oppler. Als
wichtigste Vertreter der Dresdner Künstlerschaft sind
Zwintscher und Unger mit charakteristischen Arbeiten
zu nennen. Weimars Kunst ist durch L. v. Hofmanns
Kompositionen am glücklichsten erläutert.

Wirklich pulsierendes künstlerisches Leben herrscht
aber erst in der graphischen Abteilung, deren Einzel-
stücke an Güte viele der ausgestellten Malereien bei
weitem übertreffen. Ein gleich frischer moderner Zug
geht durch die Plastik; das zeigen die Arbeiten von

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