Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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MAX BECKMANN, BEWEINUNG

die heroische Sensation. Er ist ein deutscher
Maler von jener anderen Seite, wo Cornelius, wo
Feuerbach einst standen und wo Max Klinger
heute etwa steht. Klinger vor allem ist er ver-
wandt. Beckmann ist ein Deutsch-Römer. Aber
ein moderner, ein vom Pathos sozialer Empfindun-
gen und von der impressionistischen Kunstanschau-
ung tief berührter Deutsch-Römer; einer, der
nicht in Rom oder Florenz lebt, sondern in Berlin,
und nicht in dem reichen, gesättigten Berliner
Westen, sondern in den dürftigen Vorortbezirken
des Nordostens. Ein Deutsch-Römer, der kaum
noch griechische Mythologien malt, der viel-
mehr aus Geschehnissen wie die Zeitungen sie täg-
lich mitteilen, etwas Michelangeleskes entwickeln
möchte, ungefähr so wie Gericault that, als er sein
„Floss der Medusa" malte, oder wie Delacroix,
als er die griechischen Freiheitskämpfe zum Motiv
nahm. Ein Deutsch-Römer, der in dem Gross-
stadtinferno voller Dirnentragödien und Zerrbil-
dern des Luxus den Terzinenrhythmus der Gött-

lichen Komödie vernehmen möchte
und der, um durchdieSchreckender
modernen Höllen sicher dahinwan-
deln zu können, den gewaltigen
Russenapostel Dostojewskij zu sei-
nem Virgil gemacht hat. Beckmann
hat einen starken Instinkt für seine
Zeit. Daher gewinnt er unschwer
auch die Beachtung der Zeit. Zu-
dem ist in ihm etwas jüngling-
haftes, das mit den Jahren nicht
altert. So wird der frühe Erfolg
verständlich, der Beckmann in sei-
nem dreissigsten Jahre schon wohl-
befestigt im öffentlichen Interesse
dastehen lässt. Dieser Erfolg ist
fast zu früh. Tiefe künstlerische
Qualitäten setzen sich zögernder
durch; die werden immer erst spät
oder nur von relativ wenigen be-
griffen. Womit Beckmann siegt,
das ist in erster Linie seine Mensch-
lichkeit, seine Persönlichkeit, es
ist vor allem der reiche, erregende
Stoff.

Die Persönlichkeit wirkt durch
ihr Wollen schon nachdrücklich.
Wir sehen einen grübelnden
jungen Helden, der alle Erschei-
nungen ins „Grosse" umempfindet
und umdenkt, der von einem fast romanhaften
Geniebegriff okkupiert ist und der seine Tage wie
in gesteigertem Jambengefühl erlebt. Die Selbst-
bildnisse zeigen einen wohlgeformten Jünglings-
kopf, mit dem charakteristischen, fast brutalen
Willenskiefer der in der Gegend von Braunschweig
Heimischen, mit einem kindlich trotzigen Mund,
mit traurigen und gleichsam hungernden Augen,
mit einem Ausdruck von fast hochmütig abweisen-
der Selbstqual. In diesen Selbstbildnissen und auch
in den Bildnisgruppen ist stets eine merkwürdige
Stimmung lautloser Trauer. Man denkt: hinter
diesem Menschen sind die Erinnyen her. Beck-
mann erscheint wie ein jüngerer Bruder von Ibsens
Gregers Werle oder gar von Brand, mit dem Wahl-
spruch: alles oder nichts.

Was Beckmann als Maler auszeichnet ist eine
grosse Kunsteinsicht. Michelangelo, Tintoretto,
Signorellisind von dem Stipendiaten der VillaRomana
so verarbeitet, dass man sie im modernen Tempera-
ment kaum wiedererkennt. Delacroix ist enthusi-

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