Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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zum Typus seiner Gestalten gemacht hat.
Gespräche über Kunst vermeidet er. In
seiner Sammlung finden sich vor allem
Werke von Cezanne, Matisse, Henri
Rousseau sowie Skulpturen der afrika-
nischen Naturvölker.

Dass Picasso, kaum als er Paris be-
treten hatte, sich für immer dieser Stadt
verbunden fühlte, ist nur natürlich. Das
alte Zentrum einer feingeistigen und ge-
schmackreichen Kultur war seine wahre
Heimat. Selbst wenn man mit der Früh-
reife des Südländers rechnet, bleibt die
Thatsache doch erstaunlich genug, dass er
zwischen seinem 20. und 25. Lebensjahr
Bilder gemalt hat, denen nichts Unfertiges
anhaftet. Selbstverständlich sind seine
Arbeiten nicht frei von fremden Ein-
flüssen: Cezanne und Toulouse-Lautrec,
Manet und Gauguin, auch die japanische
und die ältägyptische Kunst haben auf
ihn gewirkt. Aber er hat mit sicherm In-
stinkt zum mindesten in jener Periode
herausgefunden, welcherlei Kunst seinem
Schaffen verwandt war, und hat, was
immer er entlehnte, sofort zu seinem
persönlichen Eigentum umgebilder. Ein
abschliessendes Urteil über den Stärke-
grad des künstlerischen Charakters lässt
sich bei einem so jungen Maler nicht
fällen. Doch scheint mir, dass das Beste
in ihm der enge Bund ungewöhnlicher
Empfänglichkeit für Eindrücke und Reize
mit der Fähigkeit ist, durch hochgestei-
gerte und kultivierte Empfindung das
intuitiv Erfasste unmittelbar in eigene
Werke umzusetzen.

Ein Beispiel. Das Bild „Der Blinde"
(SammlungFlechtheim, Düsseldorf )zeigt
gewiss eine moderne Auffassung. Man mag vor ihm
an Maeterlincks Einakter „Die Blinden" denken. Und
doch: sobald man den Kopf überdeckt und das Gemälde
aus einiger Entfernung betrachtet, so dass nur das
grosse Bewegungsmotiv übrig bleibt, sieht man, dass die
Gestalt auf die monumentalen sitzenden Königstatuen
der ägyptischen Kunst zurückgeht. Ob dieser Zu-
sammenhang dem Künstler selbst zum Bewusstsein kam,
ist fraglich und hat nur nebensächliche Bedeutung.

Der Blinde" ist überhaupt charakteristisch für die
Schaffensweise des Spaniers: im Aufbau der Formen -
Einfachheit und Geschlossenheit; im Ausdruck - Hang
zum Komplizierten, zu stark differenziertem Seelen-
leben Auch die Melancholie, die über jedem lruhwerk
lastet, prägt sich in diesem Bilde aus.-Aber die Trau-
rigkeit des jungen Picasso hat nichts Quälendes. Sie ist
nur ein neuer, verfeinerter Reiz. Der späte Erbe einer

PABLO PICASSO, BILDNISSTUDIE

MIT ERLAUBNIS DER GALERIE KAHNWEILER, PARIS

alten Kultur liebt nur das Angedeutete, dem hellen
Sonnenlicht Entrückte, das der Phantasie Spielraum

lässt.

Man pflegt Picassos Schaffen zwischen 1901 und
1906 nach der vorherrschenden Farbe die „Blaue Pe-
riode" zu nennen. Blau, die Farbe, in die sich die Ferne
hüllt, und die dem Dunkel so verwandt ist, galt von je
als die Farbe des Märchens und der Mystik. Sie ist es
auch bei Picasso. Sie hilft ihm, eine Scheidewand er-
richten zwischen den Gestalten seiner Einbildungskraft
und dem Beschauer. Sein Auge hat unzählige Wand-
lungen des Blau entdeckt, und es giebt Bilder — wie die
„Elegie" (Neuer Kunstsalon, München) — die farben-
reich wirken und doch nur aus vielerlei Tönungen der
einen Farbe sich zusammensetzen. In dem zu der glei-
chen Sammlung gehörenden Gemälde „Der Knabe mit
der Vase" (dessen Aufbau unter japanischem Einfluss

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