Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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naturalistischer Willkür zu seinen Resultaten ge-
kommen war. Um so mehr boten sich den Erben
aber die stilistischen Elemente des Impressionismus
zu einer einseitigen Ausgestaltung nach Seiten des
Dekorativen an. Die dekorativen Elemente des
Impressionismus mussten sich notwendig lösen
und selbständig werden, als die volle naive Emp-
findungskraft nachliess, als das Gleichgewicht von
Freiheit und Notwendigkeit von der folgenden
Generation nicht mehr gehalten werden konnte.
Auf der einen Seite entstand ein Formalismus der
Farbe - - der Neo-Impressionismus — und auf der

Cezanne

In Cezanne hat sich der Geist des Impressionis-
mus am ausdrucksvollsten verkörpert.

Die eigentlich schöpferische Kraft dieses Gei-
stes liegt in einer durchaus unkonventionellen Art
der Anschauung, in der Fähigkeit, alle Erschei-
nungen voraussetzungslos, mit naivem Erstaunen,
morgenfrisch zu erleben. Cezanne hatte diese Kraft
der schöpferischen Naivität aber noch in weit
höherem Maasse als seine Genossen. Kein anderer
war so frei vom Konventionellen in jeder Emp-
findung wie er. Cezanne war nicht ohne Grund

PAUL CEZANNE, STILLEBEN
IM BESITZ VON U. KOEIILER, BERLIN

andern Seite ein Formalismus der Form - der re-
volutionäre Klassizismus der Jüngsten und der so-
genannte Expressionismus.

In welcher Weise der Impressionismus dekora-
tiv übersteigert worden ist, das veranschaulichen
schon Maler wie Bonnard, Vuillard und andere, die
hart noch neben den Impressionisten stehen, in
denen aber die grosse menschliche Natürlichkeit
bereits geschwächt erscheint und die darum schon
im Formalistischen mehr oder weniger Ersatz suchen
mussten. Ihnen schon ist der Impressionismus nicht
mehr ein Schicksal, eine Weltanschauung, sondern
ein überkommener Malstil.

ein einsamer, scheuer und bis zur Absonderlichkeit
kindlicher Mensch. Die andern Impressionisten er-
zogen sich mehr oder weniger zur Naivität, zur
Voraussetzungslosigkeit, ihre unkonventionelle
Malerei war zum Teil auch ein Resultat bewusster
Anstrengung; bei Cezanne aber waren jene Eigen-
schaften wie Organe des angeborenen Charakters.
Bei ihm ist der Impressionismus wie eine Natur-
gewalt. Das ist es, was in seine Bilder die selt-
sam grandiosen Stimmungen von Urweltlichkeit
bringt. Es wäre falsch anzunehmen, Cezanne
hätte, im Gegensatz zu Manet oder Renoir, etwas
Mystisches oder etwas gobelinhaft Dekoratives

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