Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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MICHAEL PACHERS KREIS, DIE MADONNA VON UTTENHEIM
KAISERLICHE GEMÄLDEGALERIE IN WIEN

esse der Kunstfreunde empfehlen zu dürfen. (Abb.

S- 435)-

Daneben zeigte der Werckmeistersche Kunstsalon
eine schöne Kollektion von Radierungen Reifferscheids.
Das reife Können dieses Graphikers, das nicht ohne
poetischen Schwung ist, und sein durchgeistigtes Hand-
werk sind einem nie so lebendig zu Bewusstsein ge-
kommen wie dieses Mal.

Bei Avisier und Ruthardt zeigte die Orlikschule recht
gute Studienergebnisse. Es ist zwar alles etwas zu vir-
tuos und ornamental geziert, aber es ist alles auch
vielseitig, tüchtig und künstlerisch im Endziel. Es ist
vor allem jedes Blatt gut von Seiten des graphisch
Technischen. In diesem Bezug sind, zum Beispiel, die
Farbenholzschnitte von Frl. Rollius ausgezeichnet. In
einer persönlichen Weise talentvoll sind Zeichnungen
des jungen Fritz Rumpf. Hasler dagegen kann kaum
noch als Orlikschüler gelten. Er ist schon ein selb-
ständiger, mehr von Slevogt und vom modernen Klassi-
zismus der Jüngsten beeinflusster Zeichner.

Am 6. und 7. Mai findet bei Rudolf Lepke die Ver-
steigerung der Sammlung Oertel statt. Sie erhält ihren
Charakter, wie das Vorwort des Katalogs sagt, „durch
die Ausschliesslichkeit, mit der der Besitzer sich jahre-
lang den Werken der deutschen Plastik, vornehmlich
der süddeutschen Altarbildnerei, zugewandt hat. Sein
Sammelgebiet umfasste vor allem Ober- und Nieder-
bayern, Schwaben und den Oberrhein." Es überwiegen

Holzskulpturen, die zwischen 1480 und 1530
entstanden sind. Die Sammlung verdankt ihr
Entstehen einem Streben nach umfassender
Kenntnis alter deutscher Holzplastik; sie hat,
dem Katalog nach zu urteilen, entschieden Stil.
Ausgestellt wird sie am 3., 4. und y. Mai.

Bei Anisler und Ruthardt wird vom 20.—22.
Mai die Sammlung Weber, Hamburg versteigert.
Der Notar Dr. Weber war ein Neffe des Besit-
zers jener viel besprochenen Sammlung, die im
vorigenJahr beiLepke unter demHammer kam.
Die Sammlung enthält vor allem graphische Ar-
beiten von Israels, Kalckreuth, Liebermann und
Zorn. Darunter befinden sich interessante
frühe Plattenzustände. Wertvolle und seltene
Blätter von Corinth, Corot, Klinger, Manet,
Menzel, Meryon; Rops, Whistler u. a. schliessen
sich den grösseren Kollektionen an.

K. Seh.

KARLSRUHE
Seit Beginn des Jahres 1913 fanden in den
Räumen des Badischen Kunstvereins mehrere
keineswegs bedeutungslose Veranstaltungen
statt. Zuerst sei das Auftreten Heinrich Alt-
herrs genannt. Altherrs Stärke und Bedeutung
liegt auf dem Gebiete der Figurenmalerei; er
ist eine moderne, tief angelegte Persönlichkeit,
die eine monumentale, dekorative Ausdruckskunst er-
strebt. ImFigürlichen war sein wichtigsterLehrerSchmid-
Reutte (f 1909), und für die Lösungen des Raum-
problems war ihm Ludwig Dill vielfach Vorbild. Beson-
ders eindrucksvoll erscheint Altherrs strenge monumen-
tale und religiöse Kunst. Aus den Lebensdaten des
Künstlers wäre zu erwähnen, dass er 1878 in Basel
geboren wurde, in München, Rom und dann wieder
in Basel arbeitete; seit 1906 wirkt Altherr in Karlsruhe. —
Grössere Kollektionen zeigten ferner der Münchener
Landschafter Rudolf Gönner, der Trübnerschüler Walde-
mar Coste und dann vor allem der Epigone Monets auf
deutschem Boden Charles J. Palmie (7 1911 in München).
Walter Georgi stellte eine grosse dekorative Schöpfung
„Walpurgisnacht" aus, die für Auerbachs Keller in Leip-
zig bestimmt ist. Mehr „komponiert" als hinreissend
wirkt dieser Hexenritt. Es liegt etwas Verstandesmässiges
über dem Bilde. Eugen Spiro, der frühere Münchener,
ist in gutem Sinne ein Pariser geworden. Er, der früher
mittels streng silhouettierter Lokalfarben seine Bilder
aufbaute und ganz in dekorativem Sinne innerhalb der
Fläche verblieb, ist jetzt besonders durch den Einfluss
Cezannes auf die Auflösung der Lokalfarbe ausgegangen,
ist ganz Maler geworden. Zuletzt sei noch die Kollek-
tion Rudolf Hellwags genannt; malerische Traditionen
von Goya, Gericault, Daumier, und von Manet bis Ce-
zanne scheinen in den Werken dieses Schönleber- und
Dillschülers zu stecken.

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