Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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Zweifel überwinden müssen. Gleichwohl hatte
man sich bereits an diese Enthüllung gewöhnt, als
plötzlich ganz unerhörte Entdeckungen die Jünger
der prähistorischen Wissenschaft in Aufregung
brachten. Auf den Wänden und Gewölben der
Höhlen, welche die Troglodyten in den soweit
zurückliegenden Zeiten des Rhinozeros, des Bären
und Mammut, des Bison und Renntiers bewohnt
haben, bemerkte man Malereien und eingeritzte
oder tief eingegrabene Zeichnungen; im Inneren der
Felsklippen entdeckte man fern von dem Tageslichte,
dass der Fels mit wunderbar lebenden Figuren und
geheimnisvollen Zeichen geschmückt war.

SCHWARZES PFERD VON NIANX (ARIEGE)

MASSSTAB I : 7

Zunächst zweifelte man . . . Das war gewiss
methodisch einwandfrei. Allein gewisse Skeptiker
gingen darin soweit, dass sie zu verstehen gaben,
die, welche jene Schätze entdeckt hätten, seien bei
ihrem Zustandekommen selbst nicht unbeteiligt ge-
wesen! Ihren Verleumdungen wurde jedoch mühe-
los der Boden entzogen, die Authentizität jener prä-
historischen Zeichnungen kann man unmöglich
anzweifeln, und ihre Wichtigkeit wird von niemand
bestritten. Der Tourist, der jene seltsamen Kunst-
ausstellungen zwischen zwei im Automobil zurück-
gelegten Strecken seiner Reise durchläuft, ist im
höchsten Grade erstaunt und glaubt seinen Augen
nicht trauen zu dürfen; der Anthropologe und der
Philosoph hingegen sehen sich genötigt, ihre Theo-
rien über den ursprünglichen Geisteszustand des

Menschen, über die ersten höheren Beschäftigungen
des menschlichen Gehirns, über die ältesten Etappen
des moralischen und sozialen Lebens, über die am
weitesten in der Vergangenheit zurückliegenden
Anfänge von Glaubensmeinungen religiöser Art,
über Ursprung und Entwicklung der bildenden
Künste einer prüfenden Durchsicht zu unterziehen.
Der Künstler aber überlässt sich mit Erstaunen und
bewegtem Gemüt der Betrachtung, — verwundert
darüber, die Geheimnisse seiner Kunst von Menschen
ausrindig gemacht und mit solcher Geschicklichkeit
verwertet zu sehen, die noch mit den riesigen
Fleischfressern der Quartärzeit um ihr Leben
kämpfen mussten. —

Wenn sich der Künstler der Urzeit,
das Gedächtnis mit lebensvollen Bildern
erfüllt, in seine Höhle verkroch, wie-
viel Schwierigkeiten kamen da nicht
zusammen, die ihm alle seine Aufgabe
beschwerlich machten! Denn in den
an unterirdischen Höhlungen reichen
Gegenden geschah es nur ganz selten,
dass er die Wand eines Zufluchtsortes für
seine Ausschmückung wählte, die nicht
tief in das Innere des Felsens eindrang,
die etwa gar von dem Sonnenlichte be-
strahlt wurde.

Aber jeder Punkt war ihm gut ge-
nug! So eng auch der Abzweigungsweg
sein mochte und gleichgültig, ob er ge-
rade oder gekrümmt, glatt oder rauh
war, er bedeckte ihn mit Strichen oder
mit Farbe. Trotzdem er dabei seine
Glieder in eine höchst unbequeme Lage
bringen musste, schmückte er eine
Steinspalte aus, die nicht mehr als 50 cm Weite
hat. Bis zu dreizehn Figuren malte er in einen
kleinen Winkel, der nur drei m Höhe und 2,50 m
Breite misst. Doch darum vernachlässigte er die
grossen Säle nicht etwa, deren Wände ganz den
Eindruck machen, als seien es Arbeitsflächen, die
nur auf seine Fresken warteten; dort häufte er so-
viele Figuren an, dass sie ineinander gerieten und
sich, da es schliesslich an Platz fehlt, von Generation
zu Generation über einander ansammelten. Wenn
das Deckengewölbe nicht ausserhalb seines Be-
reichs war, zog auch es ihn an. So malt er an
die dreissig Tiere auf die innere Fläche einer
Kuppel von Altamira, die man die Sixtinische
Kapelle der Quartärkunst genannt hat. Ja mehr
noch: selbst der Boden der Höhle erscheint ihm

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