Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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HANS MEID, BUCHERLADEN. ZEICHNUNG

begann von der Schönheit der Landschaft, von den
mächtigen Schatten, von den warmen Strahlen zu
erzählen. „Also sagen Sie endlich, was kostet's:"
„Wozu wollen Sie das wissen?" „Ich möchte das
Bild kaufen, wenn es nicht zu teuer ist." Corot
kratzte sich den Kopf, nahm seine wollene Mütze
ab und setzte sie wieder auf, nahm sie wieder ab
und setzte sie wieder auf. Kaufen! da musste doch
was dahinter stecken. Die Situation war ihm ganz
neu? Ausserdem, er liebte diese Studie. Er hielt
sie für eine seiner „besten", wie er immer naiv die-
jenigen seiner Bilder fand, die er der Natur am
ähnlichsten fand. Diese nun erinnerte ihn an einen
Platz, wo ihm ein schönes junges Mädchen ein aus-
gezeichnetes Frühstück serviert hatte. Die Sonnen-
flecken auf den grossen Blättern der Platane waren
ihm so wunderbar geglückt; er hätte sie gar zu
gern behalten. Indessen wagte er das dem Fremden
nicht zu sagen, aber um sich aus der Affäre zu
ziehen, ohne seine Schwäche zu verraten, sagte er,
auf gut Glück, einen Preis, so unerhört ihm das
auch schien, zu dem Kollegen, die ihre Bilder ver-
kauften, die, wenngleich sie weniger Talent hatten,

schon sehr bekannt waren. Corot, bemerke ich,
fühlte sich darum nicht gedemütigt; er fand des-
halb seine Bilder nicht schlechter. Der Fremde zog
seine Börse und seine Brieftasche, zählte die Summe
in Banknoten auf und ergänzte den Rest in Gold,
legte das ganze auf den Tisch, nahm sein Bild und
stieg die Treppe schnell herunter, es sah mehr einer
Flucht als einem Fortgehn ähnlich. Der Maler war
ein paar Augenblicke ganz verblüfft; schliesslich
sagte er: „Mein Gott, um so schlimmer für ihn";
er steckte sein Geld in die Schublade, zog sich seine
Mütze zurecht, stellte sich wieder vor die Staffelei
und sagte: Flier noch ein bisschen Ultramarin . . .
noch ein bisschen; diesem Baum noch Licht auf-
setzen etc. . . .

Nach einigen Tagen, als Corot gar nicht mehr
an diesen Vorfall dachte, besuchte ihn ein Freund.
Corot arbeitete. „Sag mal, Corot, ich möchte mir
eine von Deinen Baumstudien leihen; man kann
jetzt im Winter unmöglich nach der Natur malen."
„Nimm was Du willst," sagte Corot, ohne sich
stören zu lassen. „Aber Corot," sagte der andere
nach einer Viertelstunde, „ich findesienichtmehr."...

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