Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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UNSTAUSSTELLUNGEN

ERSTE RUSSISCHE KUNST-
AUSSTELLUNG

Die „Erste russische Kunstausstel-
im&BBMäi lung", womit die Galerie Van Diemen,
der Russenmode des Tages folgend, ihre neuen umfang-
reichen und sehr brauchbaren Ausstellungsräume Unter
den Linden eingeweiht hat, ist eigentlich die zweite.
Einige Jahre vor dem Krieg gab es in derselben Gegend
schon einmal eine große Ausstellung alter und neuer
russischer Kunst. Damals ist in dieser Zeitschrift geurteilt
worden, daß die russische Kunst kaum jemals über eine
ziemlich subalterne Abhängigkeit von westeuropäischen
Vorbildern hinausgekommen sei, daß es, trotz Somoff und
Bakst, eine russische Malerei von nationaler und zugleich
europäischer Bedeutung nicht gäbe, geschweige denn eine
Plastik, und daß die „revolutionären" Bestrebungen über
ein künstliches Wild-tun nicht hinausgelangten. Angesichts
der zweiten Veranstaltung, die den Zweck verfolgt, „alles
zu zeigen, was geeignet ist, über die schöpferischen Er-
rungenschaften der russischen Kunst in den Kriegs- und
Revolutionsjahren Aufschluß zu geben", muß dieses Urteil
noch uneingeschränkter wiederholt werden. Es ist Sitte
geworden, solche Urteile nicht auszusprechen, wenn es
sich um halb politische Kunstausstellungen handelt, um
„Annäherung der Völker" und so weiter. Und seit 1914
herrscht ja eine wahre Sucht, die Kunst politisch zu trak-
tieren. Bei den Eröffnungen erscheinen dann Staatswürden-
träger und Reichsfestordner und sprechen Sätze, die ebenso
banal wie falsch sind; und die Kritik, die auch einmal An-
teil an hoher Politik haben möchte, stellt sich diplomatisch
ein. Besser sind dadurch die politischen Beziehungen der
Völker freilich nie geworden. Im Gegenteil, es haben
solche Propagandaausstellungen oft zu Verstimmungen ge-
führt und heimliche Glossen ausgelöst. Eine sachliche
Kritik, die politische Einstellungen nicht kennt, bleibt auch
in diesem Fall das Nützlichste. Die Kunst steht zu hoch,
um politisch gebraucht, ja mißbraucht zu werden; sie ist
der Wahrhaftigkeit eng verschwistert und es sollte bei ihrer
Beurteilung nicht nur nicht gelogen, sondern auch nichts
unterdrückt werden.

Daß in den Vorworten und Einführungen des Katalogs
dieser Ausstellung abgegriffene Schlagworte und leere
Redensarten in Menge benutzt worden sind, daß fast jeder
Satz darin strittig ist, soll nicht tragisch genommen werden.
Die Ausstellung könnte trotzdem gut oder wenigstens
interessant sein. Sie ist aber schlecht und langweilig. Sie ist
eine Anhäufung von süßem und saurem Kitsch, worin sich
einige wenige bessere Arbeiten finden. Die Abstraktionen
Westeuropas sowohl, wie seine überlebte Akademievirtuosität
sind begierig aufgenommen und in's Russisch-Provinzielle
übersetzt worden. Es ist kein einziges Maltalent da, das ohne
weiteres kraft der ihm eingeborenen, national determinierten
Begabung überzeugt. Und das liegt offenbar an der Kon-
stitution der russischen Nation. Es fehlt, wie es scheint

von Natur, der Boden für Malerei und Plastik. Er hat
stets gefehlt. Und nicht nur in Rußland, sondern mehr
oder weniger bei allen slavischen Völkern. Nach allen
Erfahrungen sind die Russen kein Augenvolk; sie leben
leidenschaftlich im Seelischen, nicht freudig mit der Er-
scheinung. Sie haben eine bewunderungswürdige Literatur
hervorgebracht, sie haben herrliche mimische Instinkte
und sind erfüllt von einer schweifenden Genialität im
Menschlich-Allzumenschlichen, aber sie können nicht die
ihnen eingeborenen Lebensmelodien in Formen der Malerei,
Plastik und Architektur naiv verwandeln. Im Katalog
wird entschuldigend gesagt, die russische Kunst sei jung.
Aber das ist es nicht. Früh krümmt sich, was ein
Häkchen werden will. Der Sinn des russischen Volkes
ist akustisch gerichtet, nicht optisch; der Russe springt dem
Leben an die Kehle, er läßt es nicht aus der Distanz auf
sich wirken. Darum fehlt die erste Voraussetzung für
Malerei und Plastik. Daran können die ehrgeizigen Be-
strebungen des Kommissariats für Volksbildungswesen,
daran kann aller Kunstunterricht nichts ändern. Die aus-
gestellten Schülerarbeiten verraten im besten Fall anempfun-
dene Geschicklichkeit; und die Lehrer sind außerstande zu
lehren, was neben dem Elementaren, allein eigentlich lehrbar
ist: das Wirken der lebendigen Überlieferung. Es muß in den
Kunstschulen Sowjet-Rußlands in Wahrheit ebenso barbarisch
aussehen wie in den Ateliers. Uberall fehlt das Wurzel-
hafte. Wie es denn auch nicht zufällig ist, daß die jüdische
Intelligenz in der russischen Kunst stark vertreten ist, daß
die Juden die reinsten und die westeuropäisch am besten
orientierten Begabungen stellen.

Man findet in der Ausstellung Spiegelungen aller Rich-
tungen, man sieht Malvirtuosen alten Stils, Vertreter eines
provinziell gewordenen Impressionismus, Expressionisten
mit vielerlei Rezepten, die sich selten über notdürftige Be-
herrschung der Kunstmittel erhoben, Kubisten, die alle zu
sagen scheinen, was jene russische Malschülerin in ihrem
primitiven Französisch zu Matisse sagte, als er vor ihrem
Bild fragte, was sie eigentlich in der Natur suche: „je cherche
le neuf", Suprematisten und andere Vertreter einer ganz
gegenstandslosen Kunst, die zu reinen Konstruktionen in
FIolz, Metall, Papier usw. übergehen. Sieht man von
einigen kleinen Arbeiten Chagalls ab, von Zeichnungen
Altmanns, von den geschmackvoller kultivierten Bildern
Sterenbergs, von Zeichnungen Archipenkos und von einigen
kunstgewerblichen Arbeiten, so bleibt eine Masse übrig, die
wie eine tragische Karikatur Westeuropas anmutet. Panop-
tikum !

Dieses kritische Ergebnis kann und darf nicht diploma-
tisch verschwiegen werden. Es darf um so weniger ver-
schwiegen werden, als der Urteilende sich oft erschüttert
gefühlt hat, von dem wahren Genie des russischen Volkes.
Hier handelt es sich um Grundsätzliches. Es gilt von vorn-
herein dem Glauben entgegenzutreten, den die Russen und
ihre Freunde erwecken möchten, als sei die Revolution die
Wiege einer neuen bedeutenden Kunst. Der Krieg hat auf

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