Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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CORINTH

VON

KARL SCHEFFLER

Die umfangreiche Ausstellung von Bildern Co-
rinths im ehemaligen Kronprinzenpalais regt
mehr als frühere Veranstaltungen an, die Art und
den Wert dieses ungewöhnlichen Künstlers grund-
sätzlich zu betrachten. Niemals konnten bisher
Bilder der ersten, bis 19 n reichenden Schaffens-
periode den Arbeiten der zweiten, die letzten zwölf
Jahre umfassenden Schaffensperiode so anschaulich
gegenübergestellt werden — trotz der vortrefflichen
Ausstellung bei Gurlitt im vorigen Jahr —; und
niemals konnte darum der frühe mit dem späten
Corinth so gut verglichen werden. Dieser Ver-
gleich ist aber eine Aufgabe, der man nicht aus-
weichen kann.*

* Abgesehen von ihrem Reichtum an Material läßt die
Ausstellung sehr zu wünschen. Sie ist mit mehr Fleiß
als Verständnis gemacht. Es ist in vielen Fällen nicht
gut gewählt worden. Vortreffliche, leicht erreichbare
Bilder sind, um eines Grundsatzes willen, weggeblieben.

Angesichts der Bilder des frühen, des beinahe
schon historisch gewordenen Corinth ist erneut
festzustellen, daß auf der Stufe, die der Künstler
einnimmt, niemand von den Lebenden neben ihm
aufzukommen vermag, daß er im heutigen Deutsch-
land einzig ist innerhalb der Art, der er angehört,
daß er aber auch eigentlich der einzige bedeutende Ver-
treter seiner Art ist. Diese Art wird gekennzeichnet,
wenn man ihn einen Meister der Malerzunft nennt,
wenn man feststellt, daß dieses Talent, obwohl es sich
gegenwartsfroh, mit schäumenderLebensfreude durch
die Zeit dahinbewegt hat, nie eigentlich das Atelier
verlassen hat. Corinth gehört nicht zu jenen Malern
des neunzehnten Jahrhunderts, die vom Genius

Gute Bilder sind immer wichtiger als Grundsätze. Un-
nötig war es, das Publikum im Katalog mit einem im
Hause gearbeiteten Aufsatz zu haranguieren, dessen Ge-
dankengänge so seicht sind wie das Deutsch geschwollen
und schlecht ist.

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