Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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ANTONIO BOSSI, ENTWURF ZUR STUCKATUR DES GARTENSAALS. BLEISTIFT, 1749

AUS DER GESCHICHTE DER DEKORATION

IN DER FÜRSTBISCHÖFLICHEN RESIDENZ ZU WÜRZBURG

VON

RICHARD SEDLMAIR

Wie bei der Architektur war es auch bei der
Dekoration die hohe absolute Qualität der
besten Leistungen, die eines der gehässigsten Vor-
urteile der Kunstgeschichte wie eine Mauer vor den
Schöpfungen des achtzehnten Jahrhunderts nieder-
reißen half. Selbstverständlich klingt uns Heutigen
wohl die Forderung historischer Gerechtigkeit, die
Cornelius Gurlitt 1883 stellte: „Die Kunst, welche
die Zeit des Großen Kurfürsten, Friedrichs des
Großen, der Maria Theresia, Leibnizens und des
jungen Goethe schuf, in denen diese den Ausdruck
ihres Empfindens erkannten, darf unmöglich für
uns dauernd ein Gegenstand des Abscheues sein,
sondern fordert gebieterisch gerechteren Gerichtes."
Und doch, daß er schon 1889 schreiben konnte: „Es
ist unserem Volke ein Stück seiner Kunstgeschichte
zurückerobert worden, wir haben seine Tüchtigkeit

An merk ung derRedaktio n: Dieser den Abschnitt über
die Dekoration des Würzburger Schlosses einleitende Aufsatz
ist dem in diesen Wochen bei Georg Müller, München erschei-
nenden großen und schönen Werk: „Die fürstbischöfliche Re-
sidenz zu Würzburg" entnommen. Es enthält 400 Abbildungen
von der Art der hier wiedergegebenen und eine Geschichte
des Schlosses von Richard Sedlmair und Rudolf Pfister.

auch aus jenen Zeiten erkannt, welche wir einst
nur zu bespötteln wußten", das scheint uns
heute um so erstaunlicher, je unangenehmer und
allgemeiner wir aus den verödenden Wiederher-
stellungen unserer mittelalterlichen Denkmäler den
puritanischen Eifer des neunzehnten Jahrhunderts
erkennen.

Was war geschehen ? Man hatte versucht, vor-
urteilslos nur einmal die Qualitätsfrage zu stellen,
nachdem die Vorkämpfer „von dem Schönen, was
Barock und Rococo hervorriefen, das Schönste der
Betrachtung dargeboten" hatten. In dem Werk,
das an dem Umschwung der Meinungen einen her-
vorragenden Anteil gehabt hat, in Gurlitts Tafel-
folge „Das Barock- und Rokoko-Ornament Deutsch-
lands", ist unter den erlesenen Denkmälern keines
so reich vertreten wie die Würzburger Residenz.
Einzelheiten und kleinste Teilausschnitte aus dem
Schmuckreichtum vor allem des Venezianischen
Zimmers und des Spiegelkabinetts sollten vor an-
deren von dem wahren Wert einer verkannten
Sache zeugen, indem sie die Qualität, die künst-
lerische und technische, ins sinnliche Bewußtsein

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