Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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AUGUST GAUL

VON

ERICH HANCKE

Von diesem Goetheschen Goldschmied, der
unbeirrt durch den neuen Gott, dem alles
um ihn her zuströmt, „an den Hirschen und
Tieren, die seiner Gottheit Knie zieren" feilt,
war viel in Gaul. Er war ein „unzeitgemäßer"
Künstler. Stellt man sich ihn historisch zwischen
Begas und Barlach stehend vor, von denen der
eine so gut in seine Zeit paßte, in dem anderen
die geistigen Strömungen der Zeit so mächtig sind,
so empfindet man deutlich seine Einsamkeit. Er
gehörte zu den Stützen der Berliner Sezession
und war doch der unsezessionischste aller Künstler.
In seinen ersten großen Schaustücken lassen sich
vielleicht äußerliche Beziehungen zu ihr finden,
aber je mehr er sich zur Selbständigkeit durchrang,
desto fremder wurde er ihr. Er war berühmt wie
kaum ein andrer deutscher Bildhauer seiner Zeit,

Zu Ephesus ein Goldschmied saß.....

(Goethe: Groß ist die Diana der Epheser)

und doch ist verhältnismäßig sehr wenig über
ihn geschrieben worden: man liebte ihn, aber er
interessierte nicht eigentlich. Er hatte keine Gegner,
hat niemals Meinungsstürme entfesselt, sein Erfolg
war unabhängig vom Tage und beruhte allein auf
der Qualität seiner Kunst.

Er war eines als Mensch und als Künstler.
Einsam auch als Mensch. Klug, liebenswürdig und
von allen geliebt, zog er sich doch auf sich selbst
zurück. Seine Arbeit und die Natur genügten ihm.
Viele Jahre hindurch war es sein sonntägliches
Vergnügen, die Jungfernheide zu durchstreifen und
Schmetterlinge zu sammeln. Der Grundzug seines
Wesens war eine stille Tüchtigkeit, deren er sich
mit Stolz bewußt war. Er fühlte sich als Meister,
war aber bereit, fremde Überlegenheit, wenn sie
ihm begegnete, anzuerkennen.

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