Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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DIE FRÜHJAHRSAUSSTELLUNG DER AKADEMIE DER KÜNSTE

VO N

KARL SCHEFFLER

Es gibt vier Gruppen von Kunstausstellungen:
die einen sind gut und stellen sich auch
gut dar (sie sind sehr selten I), die andern sind
schlecht und sehen auch schlecht aus (das ist die
Mehrzahl); die Ausstellungen der dritten Gruppe
sind besser als sie im ersten Augenblick aussehen,
und die der vierten Gruppe sind nicht so gut wie
sie dem ersten Blick erscheinen.

Die Frühjahrsausstellung der Akademie am
Pariser Platz gehört zur vierten Gruppe.

Sie sieht gut aus. Es ist gelungen alle Maler
fast, die für eine Berliner Ausstellung der Jahres-
produktion in Frage kommen, zu gewinnen, und
es sind die Werke dann ausgezeichnet gruppiert,
gehängt und aufgestellt. Bei einer genauen Be-
sichtigung zeigt es sich aber, daß verhältnismäßig
Werke weniger Künstler vorhanden sind, die man
vortrefflich nennen darf. Liebermann setzt schein-
bar fort, was er vor zwei Jahrzehnten in der Ber-

liner Sezession, Epoche machend, begonnen hat;
die Akademieausstellung hat eine äußere Ähnlich-
keit mit den unvergessenen Eliteausstellungen der
Sezession. Aber nur im äußern. Was ihr fehlt,
und was ihr fehlen muß ist die Stimmung von
Hoffnung und Wachstum; der Nachwuchs versagt
in einem entscheidenden Punkt. Die Ausstellung
ist so gut wie sie heute sein kann. Das ist Ruhm
für die Akademie; denn sie hat sich damit nach
langer Unfruchtbarkeit wieder zu einer Führerin
im deutschen Kunstleben gemacht. Nur ist dieses
„so gut, wie sie sein kann" nicht eben mehr viel.
Die Ausstellung befestigt die Überzeugung, daß
die Kunst, die des Malens wenigstens, im Abneh-
men ist.

Freundliche Kollegen behaupten freilich, diese
Feststellung sei nichts als ein Ausfluß des Un-
vermögens und der mürrischen Unlust, die neue
Kunst liebevoll zu werten. Ach, wie viel leich-

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