Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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VON MODERNEN AMERIKANISCHEN KUNSTSAMMLUNGEN

VON

AUGUST L. MAYER

Das Bemühen der Nordamerikaner, die neueren
und neuesten Erzeugnisse europäischer Kunst
und Kultur in raschem Griff für sich zu gewinnen,
sie sich zunächst äußerlich zu eigen zu machen,
um sie dann mit ihrem eigenen Leben zu ver-
binden, ist größer denn je. Diese hastende Na-
tion, die noch keine Zeit gefunden hat, weder
auf all der alten Kultur noch auch in einem
völligen Abwenden auf einer neuen Grundlage
eine ganz persönliche amerikanische Kunst auf-
zubauen, überträgt nach wie vor das Condottieren-
tum ihrer kaufmännischen Geschäfte auch auf das
Sammeln. So sind denn in den letzten Jahren
alte Kollektionen märchenhaft, oft weniger an
Zahl denn an Qualität gewachsen, Mittelmäßiges
wurde von einsichtigen Besitzern rücksichtslos dem
Besseren und Besten geopfert. Neue Museen ent-
standen an allen Ecken und Enden — ohne daß
man über brauchbare Galerieleiter verfügte und
ohne daß man sich überlegte, was man eigentlich
sammeln wollte, ebenso erhielten aber auch Ga-
lerien über Nacht die fürstlichsten Geschenke.
So durfte sich das Art Institute in Chicago 1922
nach dem Tod der bekannten Sammlerin Mrs.
Potter Palmer aus deren Nachlaß all die französi-
schen Gemälde des 19. Jahrhunderts auswählen,
die dem Direktor für sein Museum angemessen
schienen. Nicht weniger als fünfzig Bilder von
durchweg hoher Qualität gelangten so in Galerie-
besitz, und um die beiden Säle, die damit gefüllt
wurden, kann jedes europäische Museum das In-
stitut in Chicago beneiden. Hier seien nur die
Hauptwerke genannt: Corot ,,Le pont des Rendez-
vous", „Le lecture interrompue" und „Orphee
saluant la lumiere" (186s), Daubigny „La Maison
de la mere Bazot" (1874), Degas, zwei Pastelle
(„Frau im Bad", „Balleteusen"), Delacroix „Dante
und Virgil", „Löwenjagd" (1861) und „Arabische
Reiter von einem Löwen angefallen", Manet
„Pferderennen" (verwandt dem kleinen Bild der
Sammlung Widener, Philadelphia) und „La Sor-
tie du post de Boulogne", Monet „Argenteuil-sur-
Seine" (1868), Renoir „Dejeuner des canotiers",
„Dans le cirque" und die „Woge" von 1879.

Außerdem weitere Werke der genannten Meister und
Arbeiten von Millet, Pissarro, Puvis de Chavannes,
Sisley, Troyon, Whistler, Zorn, Diaz und Cazin.
Dies ist aber nicht das einzige Anschauungsmaterial,
das dem Publikum im Museum von Chicago ge-
boten wird. Der bekannte Kunstfreund M. Ryerson
hat neben seinen Werken alter Meister, unter
denen sich Glanzstücke von Roger van derWeyden,
Memling, Giovanni di Paolo (die Serie mit der
Geschichte des Täufers Johannes aus der Kollektion
Aynard) und von Goya (die Serie mit der Geschichte
des Räubers Maragato) befinden, einen Saal mit Ge-
mälden von Monet, Renoir, Cezanne usw. als Leih-
gabe zur Verfügung gestellt. Auch die Hinterlassen-
schaft der Mrs. W. W. Kimball (1921) bedeutete für
das Museum eine willkommene Bereicherung. Neben
drei Werken von Monet fällt „Die große Pappel" von
Sisley (1891), eine Waldlandschaft von Diaz (1862)
unter den modernen Bildern besonders auf.

Der Raum mit den schon 1911 von E. B. But-
ler gestifteten Landschaften von George Innes
macht auch heute noch einen großen Eindruck.
Der jetzt besonders geschätzte, 1902 verstorbene
J. H. Twachtmann kann sich an Bedeutung doch
nicht mit dem älteren Landsmann messen.

Das neuerdings sehr erweiterte Museum ver-
anstaltet auch große Kunstausstellungen moderner
einheimischer Maler und Bildhauer. Gewiß war
das Niveau jener, die ich zu Gesicht bekam, nicht
gleichmäßig und es fehlten auch Schöpfungen über-
ragender Künstler. Aber man spürte doch den
frischen Zug und beim Publikum das Bemühen,
selbst bei den Radikalsten mitzugehen.

Das Verständnis für neueste Kunst wird auch
in den westlichen Provinzzentren zu fördern ge-
sucht, so etwa im Museum von Minneapolis, das
vor kurzem eine glücklich gewählte Ausstellung von
Werken amerikanischer und europäischer moderner
Maler und Zeichner veranstaltete. Man sah cha-
rakteristische Arbeiten von Matisse, Derain, Pi-
casso, Pascin, M. Laurencin. Das Publikum ver-
hielt sich meist ablehnend, gewann aber dann doch
Interesse, dank der sehr geschickten Aufklärungs-
arbeit des Direktors. Wie in unseren neueren

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