Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

Page: 92
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1923/0102
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
EIN DOPPE L B I LDN I S DES GIORGIONE

VON

M. FRIEDEBERG

Im Jahre 1917 veröffentlichte ich in der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" einen Aufsatz über
das „Konzert" im Palazzo Pitti, das von Morelli
dem Tizian, von Justi dem Giorgione zugeschrie-
ben wird, während Gronau eine gemeinsame Ar-
beit der beiden Meister darin sehen will. Ich ver-
suchte nachzuweisen, daß Sebastiano del Piombo
der Autor des Werkes und daß dieses identisch
sei mit einem von Vasari erwähnten Bilde dieses
Meisters.

Zum Verständnis der folgenden Ausführungen
muß ich die Stelle des Vasari hier wiederholen:
„Da geschah es, daß Giorgione da Castel Franco
die neue, im Kolorit sehr harmonische und feurige
Weise nach Venedig brachte, und Sebastiano trennte
sich von Giovan Bellini, ging zu Giorgione in
die Schule und blieb lange genug bei ihm, um
seine Manier großenteils anzunehmen. So malte
er denn in Venedig einige sehr ähnliche Bildnisse
nach der Natur, darunter das des Franzosen Verde-
lotto, eines trefflichen Musikers, damals Kapell-
meister in San Marco. In demselben Bilde stellte
er dessen Gefährten, den Sänger Ubretto, dar;
Verdelotto aber nahm es mit nach Florenz, als
er dort Kapellmeister von San Giovanni wurde,
und es befindet sich heutigen Tages im Hause
des Bildhauers Francesco Sangallo."

Ich führte aus, daß diese Sätze in auffallender
Weise auf das „Konzert" hinweisen und daß der
Wortlaut, der nur zwei bedeutungsvolle und be-
kannte Personen erwähnt, in keiner Weise gegen
das Vorhandensein einer dritten, weniger inter-
essanten auf dem Bilde spricht. Vasari kannte
das Bild selbst sicherlich nicht, da er in solchem
Falle stets die eigene Kenntnis durch eine beson-
dere Würdigung seiner malerischen Vorzüge be-
zeugt. Er berichtet eben nur, daß Sebastiano, als
er Schüler des Giorgione war, den berühmten
Verdelotto gemalt habe und auf derselben Tafel
dessen Gefährten, den Sänger Ubretto dargestellt
habe. Diese Erwägungen allein hätten selbstver-
ständlich nicht zur Bestimmung des Bildes genügt.
Es kam jedoch hinzu, daß für mein Empfinden
das Bild ebensowenig die Kunstweise des Giorgione

wie die Art des Tizian verrät. Eine gewisse Un-
beholfenheit in der Gruppierung der drei Figuren,
die wagerechte Linie, mit welcher die Köpfe oben
abschneiden, sind nicht vereinbar mit dem Stil-
gefühl der beiden Meister. Ebensowenig entspricht
ihrem Wesen die besondere Betonung des Ge-
sichtsausdruckes der Hauptperson, das Herausarbei-
ten des Blickes, das Vorwiegen des psychologischen
Momentes, während diese Eigenschaften für Se-
bastiano charakteristisch sind. So schildert d'Achi-
ardi das Bildnis des Papstes Clemens VII. in Parma
mit folgenden Worten: „L'espressione e grave,
solenne, legermente velate di tristezza nello sguardo
dei grande occhi".

Ich muß darauf verzichten, hier die weiteren
Gründe für meine Behauptung wiederzugeben.
Bode hat sich mit völliger Entschiedenheit dafür
ausgesprochen und in einem Aufsatz über Seba-
stiano als Porträtmaler in Velhagen & Klasings
Monatsheften das Konzert als ein Hauptwerk der
Bildniskunst dieses Meisters aufgeführt. Ich möchte
noch erwähnen, daß vor kurzem der Wiener Kunst-
kenner Moll mir aus Italien schrieb, daß er sich
vor der Pieta des Sebastiano in Viterbo von der
Richtigkeit der Zuschreibung des Konzertes an
diesen Meister überzeugt habe.

Nun hat in der Aprilnummer des Bollettino
d'Arte, der Zeitschrift der staatlichen Kunstver-
waltung Italiens Herr Emilio Ravaglia einen Auf-
satz veröffentlicht, in dem er die oben zitierten
Sätze des Vasari auf ein schönes venetianisches
Bild bezieht, das jüngst in den Besitz der römi-
schen Staatsgalerie im Palazzo Corsini gelangt ist.
Herr Ravaglia kannte augenscheinlich meinen schon
mehrere Jahre alten Aufsatz nicht, da er ihn in
der Literaturangabe nicht anführt. Ich würde nicht
die Spalten dieser Zeitschrift in Anspruch nehmen,
lediglich um die Hypothese des italienischen Ge-
lehrten zurückzuweisen. Aber ich glaube auch,
das Bild der Galleria Corsini, das wir hier (nach
dem Bollettino) wiedergeben, bestimmen zu können.
Wieder ist es Vasari, der unser Rätsel löst. Er
schreibt in der Biographie des Giorgione: „In
Florenz befindet sich von seiner Hand gemalt im

92
loading ...