Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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MAX BECKMANN

VON

CURT GLASER

Wie es in der Bibel heißt, das Wort des Men-
schen sei ja, ja oder nein, nein, so gilt es
von Beckmanns Werk, daß man zu ihm sich be-
kennen oder es von sich weisen muß. Dieses Werk
erträgt nicht jene laue Anerkennung mit der so
viele dem Neuen begegnen, das sich in die ge-
fälligen Formen einer dekorativen Mode kleidet.
Diese Kunst ist nicht auf dem Boden einer Ge-
meinschaft vieler erwachsen, die einander stützen
und tragen, sie ist das Zeugnis eines harten Indi-
vidualismus, eines einseitig willentlich geformten
Weltbildes. Sie ist, oder sie ist nicht. Es gibt
keine Möglichkeit zwischen diesen beiden.

• Anmerkung der Redaktion: Dieses ist das Schluß-
wort— (,,Der deutsche Maler") eines Aufsatzes über Max Beck-
mann, den Curt Glaser für ein Buch geschrieben hat, das
im Verlage R. Piper 8s Co. in München in diesen Wochen
erscheinen wird.

Maßstab ist die Einheit von Wollen und Voll-
bringen, ist die Eindrücklichkeit, mit der das Werk
den Empfangenden in seinen Bann zwingt, ist die
Bedeutsamkeit des Erlebnisses, die es mitteilt der
Persönlichkeit, die in ihm sich manifestiert. Beck,
mann besitzt die Handschrift, in der er aufzuzeich-
nen vermag, was Erlebnis und Gestaltungswille zu
offenbaren zwingen. Er hat ein Weltbild geschaffen,
das niemandem gehört, als nur ihm, „Kind seiner
Zeit", hat er den Rhythmus des Lebens in Linien
eingefangen, ein Wirkliches, dessen Dasein nur
dunkel bewußt war, aus dem Chaos zur Form
erlöst.

Wer in der Wirklichkeit des Heute nichts
empfindet als das Häßliche, wer, um das Schöne
zu finden, zu gotischen Heiligen flüchten muß oder
zu den Wilden im Negerlande, der bleibe Beck-
mannsWerk fern. Wer von kosmischen Rhythmen

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