Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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ZU LEI B LS
EMIL 1

Nennt man die Namen der großen deutschen
Zeichner des neunzehnten Jahrhunderts und
kommt an die Stelle, wo sonst der große Name
Leibi steht, dann zögert man einen Augenblick.
Natürlich, er ist ein großer Zeichner. Nur, daß
es so gar keine Zeichnungen von ihm gibt! Von
Menzel liegen tausende und abertausende von
Blättern in der Sammlung der Nationalgalerie.
Max Liebermanns Handzeichnungen zählen heute
bereits nach tausenden und Max Slevogt kann
auch die Hände nicht ruhig halten. Wer aber
Leibi als Zeichner studieren will, weiß nicht, wo
er das Material findet.

Es ist eigentlich eine nachdenkliche Sache, zu
sehen, daß dieser große Meister der Form wenig

ZEICHNUNGEN

VON

DMANN

oder jedenfalls nicht mit selbstverständlicher, leiden-
schaftlicher Gewohnheit gezeichnet hat; dieser
Künstler, der in der Malerei die prachtvollsten
Köpfe hinstellte, so meisterhaft modelliert, so ge-
fühlvoll gezeichnet, so energisch gestrichen. Man
denkt, diesem Manne müsse das Zeichnen, das
„Reißen" mit der Feder besondere Freude gemacht
haben. Dann aber erinnert man sich plötzlich,
daß Courbet, im gleichzeitigen Frankreich der
größte Maler der „Form", im Sinne von Tradition,
auch so gut wie garnicht gezeichnet hat.

Allerdings gibt es von Leibi eine kleine An-
zahl von Radierungen, meisterhaften Radierungen
dazu, Radierungen, von denen R. Koehler ums
Jahr 1890 schrieb, sie seien (was wir vergessen

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