Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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OTTO BARTNING, DIE STERNKIRCHE. QUERSCHNITT

RELIGION UND KIRCHBAU

VON

OTTO BARTNING

Wir hören heute viel von kirchlicher, christ-
licher, religiöser Kunst. Vereine, Zeit-
schriften, Ausstellungen und Tagungen sind ihr
gewidmet als einer besonderen, dem Grade nach
höheren Kunst. All solche Veranstaltungen und
Äußerungen, an sich unfruchtbar, haben heute
ihre Bedeutung deshalb, weil ihnen eine stumme
Sehnsucht vieler Menschen und ein stilles Schaffen
einiger Künstler zugrunde liegt.

So sind wir uns auch im folgenden klar, daß
aus Worten .und Reden über religiöse Kunst nie
religiöse Kunst entsteht, sondern daß sie aus der
stummen Sehnsucht Vieler und dem stillen Schaffen
Weniger quillt. Dennoch braucht sie den Anlaß,
braucht klargestellte praktische Aufgaben, um über-
haupt in Erscheinung zu treten. Und eine dieser
Aufgaben, die des evangelischen Kirchenbaus, so
zu klären und abzurunden, daß sie vom Künstler
auf Herz und Hände genommen und aus einem

Anmerkung der Redaktion: Die photographischen
Aufnahmen des Modells hat O.Hartmann, Karlshorst, besorgt.

Guß geformt werden kann, das allein ist die Ab-
sicht der folgenden Betrachtungen.

Sind wir eigentlich berechtigt, von religiöser
Kunst als einer besonderen höheren Kunst zu
sprechen, und inwiefern unterscheiden sich Sakral-
bau und Profanbau?

Ist etwa ein Bauwerk, das kirchlichen Veran-
staltungen zum Aufenthalt dient, durch diese Zweck-
bestimmung ein Werk religiöser, sakraler oder
heiliger Baukunst? Ein Blick auf die Kirchen der
letzten Jahrzehnte gibt uns leider verneinende
Antwort. Im Gegenteil, .die am stärksten ge-
fühlten, am höchsten gespannten Werke entspringen
ganz anderen Lebensgebieten unserer Zeit, z. B. der
Technik, dem Verkehr, dem Kriegswesen, dem
Handel, dem Wohnen. Unterscheiden wir nach
Gegenstand und Zweck, so steht der Kirchbau
heute ohne innere Besonderheit neben, ja nach
dem technischen und bürgerlichen Profanbau. Der
reine Zweckbegriff also ist zu eng, um das Wesen

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