Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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DAS STADTBAUPROBLEM

VON

WALTER CURT BEHRENDT

I

Seit dem Weltkrieg haben sich die Probleme des
Stadtbaues gründlich verändert.
Die moderne Stadt, jenes Zentrum wirtschaft-
licher und geistiger Energien, das wir Großstadt
nennen, ist eine spezifische Schöpfung der hoch-
kapitalistischen Wirtschaftsepoche, und als solche
auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal dieses
Wirtschaftssystems verknüpft. Die große Krisis
der Weltwirtschaft, die der Krieg wenn nicht ver-
ursacht, so doch beschleunigt und verschärft hat,
kann daher auf die Entwicklung der Städte nicht
ohne Einfluß bleiben. Aufhören muß jenes un-
gesund rasche, übersteigerte Wachstum, dessen ver-
derbliche Folgen alle großstädtischen Siedlungen in
ihrem inneren und äußeren Organismus überein-
stimmend und in mannigfachen Formen erkennen
lassen. Die Fülle der Bauprobleme, die aus dieser
überstürzten Entwicklung erwuchsen, beginnt sich

schon zu verringern. Ein einziges Problem, ein Pro-
blem freilich von höchster Dringlichkeit, läßt zur
Zeit alle anderen zurücktreten und nimmt für den
Augenblick alle Kräfte in Anspruch: das Wohnungs-
problem. Damit ist nun nicht allein die Frage ge-
meint, wie die gegenwärtige, unter den Nach-
wirkungen des Krieges entstandene Wohnungsnot
am raschesten und zweckmäßigsten zu beheben sei,
sondern es muß dieses Problem als Teil eines größe-
ren, umfassenderen Problems angesehen werden,
nämlich des der menschlichen Siedlung überhaupt.

Das Siedlungsproblem nun hätte unter den Pro-
blemen des Städtebaues eigentlich immer an erster
Stelle stehen sollen. Und bei allen Erörterungen
städtebaulicher Aufgaben hätte die erste und
dringendste Frage stets lauten müssen: wie läßt
sich diese zufällige Menschenansammlung, diese
gestaltlose Anhäufung von Volksmassen im ganzen
zu einer menschenwürdigen Siedlung ausgestalten?
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